Spezialthema | Die Clusterkonferenz Gesundheitswirtschaft widmet sich dem Thema Diversität

Die jährliche Clusterkonferenz Gesundheitswirtschaft widmet sich immer zentral einem Thema, in diesem Jahr lautet es „Diversität in Gesundheitswirtschaft und Gesundheitswesen“. Um sich dem Themenkomplex zu nähern, waren viele Expertinnen und Experten aus dem Gesundheitswesen eingeladen, die in Redebeiträgen die Bedeutung von Diversität im Gesundheitswesen sowie im Allgemeinen darstellten. Am Ende stand ein breiter Mix von Denkanstößen und praktischen Beispielen, die helfen das Thema und seine Bedeutung für Gesundheitswirtschaft und Gesundheitswesen besser zu verstehen.

 

 

Die diesjährige Clusterkonferenz Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg hatte mit dem Thema „Diversität in Gesundheitswirtschaft und Gesundheitswesen“ ihren Fokus auf ein drängendes Thema der Branche gelegt. „Diversität ist für uns ein wichtiges Thema, weil sie zum einen eine Frage des gerechten und friedlichen Zusammenlebens in unserer Gesellschaft ist und zum anderen, weil Vielfalt ein Schlüssel für mehr Kreativität, Innovationskraft und Problemlösungskompetenz in Unternehmen und Organisationen ist.“, erklärte Florian Schlehofer, Clustermanager vom Cluster Gesundheitswirtschaft in Brandenburg, zu Beginn der Veranstaltung. „In einer immer globaleren und diverseren Welt stärkt Diversität zudem das Verständnis für Märkte und Kunden.“

Diversität – ein allumfassendes Thema

Bereits in der Begrüßung durch den Clustersprecher HealthCapital und Vorstandsvorsitzenden der Charité Prof. Dr. Heyo K. Kroemer wurde deutlich: Beim Thema Diversität geht es, neben sozialer Verantwortung, dem Abbau von Barrieren für Minderheiten und einem Mehrwert für alle Beteiligten, auch um die Bewältigung des Fachkräftemangels. Diversität in der Gesundheitswirtschaft und dem Gesundheitswesen ist ein alles durchdringendes Thema mit vielen Aspekten und Ebenen.

Prof. Kroemer zeichnete in diesem Zusammenhang Diversität als eine von drei Ansätzen, mit denen dem Fachkräftemangel begegnet werden kann. Neben verstärkten Anstrengungen, das Gesundheitswesen nachhaltiger zu digitalisieren und Prävention in der gesundheitlichen Versorgung in den Fokus zu stellen, sei Diversität auch Fachkräfte aus anderen Ländern weiter zu integrieren als auch längere Beschäftigung älterer Arbeitsnehmer, zur Kompetenzvermittlung zu verstehen, sagte Kroemer.

Dass Diversität als solche, in einer größeren Breite zu verstehen ist und mehr Aufmerksamkeit im Gesundheitswesen benötigt, dem schloss sich auch Sabine Zimmer an, die die Bevollmächtigte des Landes Brandenburg beim Bund, Dr. Friederike Haase, auf der Konferenz vertrat. Sie stellte heraus, dass in der politischen Agenda derzeit das Thema Diversität im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen zu wenig gesehen wird. Des Weiteren nahm sie Bezug auf eine McKinsey Studie, die für den Bankensektor gezeigt habe, dass viele Unternehmen bereits an Strategien arbeiten, Vielfalt in ihren Alltag zu integrieren. Dafür sei neben dem zunehmenden gesellschaftlichen Interesse, auch die durch Studien belegte Erkenntnis ausschlagegebend, dass diverse Teams erfolgreicher agieren. Entscheidend sei hierbei, dass dadurch auch die Dienstleistungen und Produkte für die Kunden besser würden. Darum sollte es auch in den Bereichen Gesundheit und Pflege gehen, sagte Haase.

Unbewusste Diskriminierung

Emilia Roig, Sachbuchautorin (Buch „Why we Matter“) und Expertin für das Thema Diversität, gab mit ihrer Keynote einen sehr guten Überblick über das weite Themenfeld der Diversität. Sie lenkte den Fokus auf gelebte Diversität im Alltag. Roig zeigte, dass Diversität sich nicht allein durch Ansammlung möglichst vieler Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Werdegängen konstituiert. Die so zusammenkommenden Unterschiede dürften nicht in eine Hierarchie gepresst werden. Das bedeute, verschiedene Attribute nicht unterschiedlich zu bewerten. Als Beispiel führte Roig eine Anekdote mit ihrem Sohn an, der einst bei einem Postbesuch zu ihr sagte „die Frau hinter dem Schalter ist dick“. Die falsche Reaktion sei es zu sagen „so etwas sagt man nicht“, weil dies impliziere, dick zu sein, ist schlecht. Richtig hingegen sei es, dem Kind klarzumachen, dass es unterschiedliche Menschen und Körper gibt, und dass diese Unterschiede gar nichts ausmachen.

Davon ausgehend zeichnete die Gründerin des Center for Intersectional Justice, die gesellschaftlichen Mechanismen nach, die dazu führen, dass wir auch unbewusst Menschen unterschiedlich behandeln und es oft einen Mangel an Empathie für verschiedene Minderheiten gibt. Mit ihrer Keynote gab sie Anregung, dass Thema Diversität nicht nur rein praktisch zu denken, sondern auch auf der persönlichen Ebene durch Reflexion des eigenen Handelns und Denkens zu leben.

Dass es Arbeit bedeutet, sich auf eine immer vielfältigere Gesellschaft einzustellen und Diversität für diese Gesellschaft fruchtbar zu machen, machte Prof. Dr. Gertraud Stadler, Professorin für geschlechtersensible Präventionsforschung an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, deutlich. Der Fokus ihres Beitrags lag darauf, dass die Gesundheitsversorgung geschlechts- und diversitätssensibler werden muss. Prof. Stadler machte deutlich, dass es mehr Diversitätskategorien bei der Erhebung von Daten braucht, um Vielfalt in der Gesellschaft wissenschaftlich zu beschreiben und zielgerichtet weiterzuentwickeln.

Erfahrungen aus der Praxis

In die Praxis ging es im zweiten Teil der Clusterkonferenz. Eingangs gab Dr. Ina Czyborra, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege des Landes Berlin, in einer Videobotschaft einen Überblick über die Größe der Gesundheitswirtschaft in der Hauptstadtregion.

Einen Blick in Unternehmen aus der Berliner Gesundheitswirtschaft gewährten Vertreter des Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH, Dr. Christian Matschke vom Vorstand der BERLIN-CHEMIE AG, Stephanie Schultz von Takeda und Karina Oberheide von der non-profit Einrichtung Data4Life.

Jeanette Liersch, Pflegedirektorin im Klinikum am Urban, und Thomas Langer, Klinikreferent der geschäftsführenden Direktion im Klinikum im Friedrichshain vom Vivantes – Netzwerk für Gesundheit, stellten in ihrem Redebeitrag die Diversität in ihrem Unternehmen vor. Zuerst machten sie deutlich, dass Diversität für sie viele Dimensionen hat, die sich nicht in der Kategorie Herkunft und Integration von ausländischen Pflegekräfte erschöpfen.

Daher hat Vivantes vor etwa zwei Jahren einen Diversity-Rat ins Leben gerufen, der sich aus Vertretern der einzelnen Vivantes-Standort zusammensetzt. Diese bilden vor Ort Netzwerke, die sich standortspezifisch mit Diversität und den damit verbundenen Themen auseinandersetzen. Das Besondere daran: Die Mitglieder des 15 Personen großen Diversity-Rats arbeiten ehrenamtlich und unabhängig vom Management. Dadurch soll das Thema Vielfalt Bottom-up in die Unternehmenskultur einfließen und erreicht werden, dass Mitarbeitende Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitswelt nehmen können. Maßnahmen, die die Diversität fördern und unterstützen, könnten so auch gelebt werden. Darüber hinaus gibt es bei Vivantes Beratungs- und Fortbildungsangebote für die Mitarbeitenden, um mit dem Thema Vielfalt in Kontakt zu kommen.

Diversität im Sinne der Inklusion war das Thema von Dr. Christian Matschke, Vorstand der BERLIN-CHEMIE AG. Er zeigte anhand der Vorstellung der Geschützten Betriebsabteilung, in der Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderungen Aufgaben in der Produktion übernehmen, wie Inklusion einen Beitrag zur Diversität bei BERLIN-CHEMIE leistet. Mehr dazu in unserem Interview mit Christian Matschke.

Stephanie Schultz, Leiterin Public Affairs, von Takeda schilderte den Weg des Standortes in Berlin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Dafür horchte Takeda mit einer großangelegten – fünf Phasen und vier Jahre dauernden – Studie in den Standort hinein. Im Ergebnis stand, dass die Strukturen vor Ort gerade bei Frauen zu Karriereblockaden führten. Die Konsequenz war häufig ein Ausscheiden aus dem Unternehmen. Auf Basis dieser Erkenntnisse und den Daten der Studie wurde ein maßgeschneidertes Entwicklungsprogramm – „Frauen in Führung“ – für den Berliner Standort aufgesetzt. In diesem auch für Männer offenen Programm, lernen die Teilnehmenden ihre Karriere gezielt zu entwickeln und unsichtbare Barrieren zu durchbrechen.

Den abschließenden Redebeitrag steuerte Dr. Karina Oberheide von Data4Life bei. In der Non-Profit-Organisation ist man überzeugt, dass die Arbeit an der Diversität innerhalb eines Unternehmens durch die Führung gesteuert sein sollte. Dementsprechend wurden bei Data4Life Strukturen für die Mitarbeitenden geschaffen, in denen sie sich zum Thema Vielfalt einbringen und den Weg zu mehr Vielfalt im Unternehmen mitgestalten können. Auch die Stelle eines Culture & Transformation Managers trägt bei Data4Life dazu bei, Maßnahmen und Initiativen für mehr Vielfalt ins gesamte Unternehmen zu tragen.

Unterm Strich

„Das, was wir heute hier diskutiert und besprochen haben, ist ein wesentlicher Ansatz, die aktuellen Probleme in unserer Gesellschaft und Wirtschaft zu lösen. Wir müssen versuchen, alle, die einen Beitrag zur Gesundheitswirtschaft leisten, davon zu überzeugen, dabei zu sein. Dafür müssen wir offener mit Unterschieden umgehen“, fasste Dr. Kai Bindseil vom Clustermanagement zum Abschluss zusammen.

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QuelleHealthCapital Berlin-Brandenburg