Interview | Prof. Surjo Soekadar | NeuroTech Open Innovation Hub – Der schnelle Weg für NeuroTech-Innovationen in die Anwendung

Prof. Surjo Soekadar leitet an der Charité – Universitätsmedizin Berlin den Forschungsbereich Translation und Neurotechnologie und gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der klinischen Neurotechnologie. Im vergangenen Jahr hat er zum zweiten Mal eine Förderung seiner Forschung durch die Einstein Stiftung Berlin erhalten. Teil seiner Einstein-Professur ist der Aufbau eines „NeuroTech Open Innovation Hub“, in dem Start-ups und junge Gründerteams ihre Innovationen validieren können. Der Hub soll eng mit dem neu gegründeten ARC Innovation Centers von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Berlin Institute of Health in der Charité verzahnt werden. Wir haben mit Prof. Soekadar über den Hub und das ARC sowie über die entstehenden Möglichkeiten gesprochen.

 

1. Welche Beweggründe hatten Sie für die Etablierung eines NeuroTech Open Innovation Hub und welche Ziele verfolgt er? 

Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, bei Niels Birbaumer in Tübingen an Gehirn-Computer-Schnittstellen zu forschen, gab es weltweit vielleicht 20 Arbeitsgruppen, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Man kannte also fast jeden persönlich, der in diesem Gebiet forschte. Die klinische Bedeutung von Gehirn-Computer-Schnittstellen hatte Niels Birbaumer schon in den 1990er Jahren gezeigt. Die Pionierarbeit in diesem Bereich kam aus Deutschland. 

Mittlerweile hat sich das Feld – wie KI – exponentiell entwickelt: es gibt weltweit viele hunderte von Arbeitsgruppen und es werden Milliarden US-Dollar in Start-ups in diesem Bereich investiert. Allerdings nicht in Deutschland, sondern vor allem in den USA und in China. In den vergangenen Jahren habe ich entsprechend zahlreiche Angebote aus den USA bekommen, auch aus China. Es wiederholt sich, was wir bereits bei KI oder dem MP3-Player erlebt haben: Erste Konzepte, Prototypen und Geschäftsmodelle werden in Deutschland entwickelt, aber anderswo skaliert. Dagegen möchte ich etwas tun. 

Der NeuroTech Open Innovation Hub soll Start-ups und junge Gründerteams dazu bewegen, ihre Validierung in Berlin an und mit der Charité durchzuführen. Ziel ist es, zum einen die besten und innovativsten Ansätze für die Krankenversorgung an der Charité zu validieren und zum anderen, die Charité an der möglichen Skalierung und ökonomischen Verwertung teilhaben zu lassen. 

Der Hub ermöglicht, dass sich Akteure im NeuroTech-Bereich eng vernetzen, Trends frühzeitig erkennen und sich mit Investoren verbinden, um damit nicht nur die Validierung, sondern auch die Skalierung dieser Technologien in Deutschland zu ermöglichen. 

 

2. Nun wurde im Februar das ARC-Zentrum der Charité gegründet. Es steht für Accelerate, Redesign, Collaborate, bündelt medizinische Expertise, wissenschaftliche Forschung und technologische Entwicklung unter einem Dach und verkürzt damit den Weg von der Idee in den klinischen Alltag. Bevor wir auf die Verbindung zum NeuroTech Innovation Hub zu sprechen kommen – woher stammt die Idee des ARC Innovation Centers? 

Die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt stehen aktuell unter enormem Druck: Die Burnout-Raten sind erschreckend hoch, überall explodieren die Kosten, und in den OECD-Ländern ist jeder dritte Arzt über 55 Jahre alt. Absehbar ist, dass wir das Leistungsniveau nicht halten können, wenn wir unser Gesundheitssystem nicht durch Innovation transformieren. Auch wenn wir in Berlin deutschlandweit in Sachen Ausgründungen an der Spitze liegen, fallen wir international zunehmend zurück. Ein Ort, an dem der gegenteilige Trend zu beobachten ist, ist das Sheba Medical Center in Tel Aviv. Es ist das einzige Krankenhaus in Israel, das kein Defizit ausweist, und an dem in den vergangenen zwei Jahren Rückflüsse aus dem Innovationsbereich im zweistelligen Millionenbereich erzielt wurden. Seit 2019 gibt es dort ein ARC Innovation Center, das dazu maßgeblich beigetragen hat. 

Entscheidend in diesem Modell ist, dass konkrete Herausforderungen aus dem Klinikalltag von Mitarbeitenden aus allen Bereichen ins ARC eingebracht werden. Das Center sammelt und priorisiert diese Bedarfe, ermöglicht die Entwicklung erster Lösungsansätze und unterstützt den Aufbau investierbarer Teams. Dabei kann sich der Ideengeber operativ einbringen, muss es aber nicht. Er behält jedoch als Anwendungs-Champion einen Anteil an dem daraus möglicherweise entstehenden Start-up. Eine zweite zentrale Säule ist die offene Innovation, also die Zusammenarbeit mit externen Partnern, einschließlich Regulierungsbehörden und Investoren. 

 

3. Wie hängen der NeuroTech Open Innovation Hub und das neue ARC-Zentrum der Charité zusammen?   

Dahinter steckt ein sehr glücklicher Zufall: Bestandteil der zweiten Einstein-Professur, die ich Mitte vergangenen Jahres erhalten habe, war auch der Aufbau eines NeuroTech Open Innovation Hubs. Das war zu einem Zeitpunkt, bevor der Vorstand der Charité die Entscheidung getroffen hatte, eine Projektgruppe zum Aufbau des neuen ARC Centers zu bilden. Nun, da ich auch mit dem Aufbau des ARC Innovation Centers betraut wurde, können diese Initiativen natürlich ideal aufeinander abgestimmt werden. 

 

4. Was planen Sie als nächstes und wer kann sich hier wie beteiligen?  

Offene Innovation bedeutet, dass wir den roten Teppich für Start-ups und Gründerteams ausrollen und mit ihnen ins Gespräch kommen wollen. Es wird Begegnungsformate geben und einen sogenannten Single Point of Entry, also eine einheitliche Anlaufstelle für alle Interessierten. Sehen wir Potenzial für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, wird ein entsprechender Projektplan, zum Beispiel für die klinische Validierung eines ersten Prototyps, ausgearbeitet. 

Das Start-up hat die Möglichkeit, die nicht-exklusive Validierung an der Charité über eine Spende an den Förderfonds Wissenschaft zu unterstützen. Über den sogenannten Matching-Funds-Mechanismus der Einstein Stiftung können dann noch einmal 50 Prozent öffentliche Kofinanzierung dazukommen. 

Dadurch gewinnen alle: Die Start-ups erfahren, ob bestimmte Ideen oder Prototypen überhaupt eine Chance für die Anwendung in einem realen klinischen Umfeld haben. Die Klinikerinnen und Kliniker werden in die Lage versetzt, innovative Lösungen im NeuroTech-Bereich einzusetzen und zu ihrer Weiterentwicklung beizutragen. Und auch die Patientinnen und Patienten profitieren davon, dass innovative Ansätze schneller in die Anwendung kommen. 

 

5. Welche Rolle spielt das Berliner Healthtech-Ökosystem und insbesondere das Cluster Gesundheitswirtschaft für Ihre Arbeit?  

Das Berliner Healthtech-Ökosystem und insbesondere das Cluster Gesundheitswirtschaft sind zentral für den Erfolg dieser Arbeit. Das Cluster bringt Wissenschaft, Klinik, Industrie und Start-ups systematisch zusammen und schafft damit die notwendigen Schnittstellen für Innovation und Translation. Gleichzeitig fungiert es als strategische Plattform, um Projekte zu vernetzen, Förderprogramme zu koordinieren und die internationale Sichtbarkeit des Standorts zu stärken. 

 

 

Weiterführende Links: 

 

 

Zur Person:   

Prof Surjo R. Soekadar studierte an den Universitäten Mainz, Heidelberg und Baltimore Medizin und promovierte im Jahr 2005 am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Danach hatte er unter anderem von 2008 bis 2011 einen Forschungsaufenthalt am National Institute of Neurological Disorders and Stroke (NINDS) in Bethesda, Maryland, und leitete von 2011 bis 2018 die Arbeitsgruppe Angewandte Neurotechnologie an der Universität Tübingen. 2018 wurde er zum deutschlandweit ersten Professor für Klinische Neurotechnologie an die Charité – Universitätsmedizin Berlin berufen.