Interview | Leonie Mentrup, Director Hospital, Doctolib Deutschland

„Die Lausitz hat das Potenzial, Vorreiterin im nationalen Vergleich zu werden. Die Prinzipien sind übertragbar: Vernetzung, Entlastung, Patientenzentrierung – das funktioniert überall.“

Mit der Modellregion Gesundheit Lausitz entsteht ein wegweisendes Leuchtturmprojekt. Die Medizinische Universität Lausitz - Carl Thiem (MUL-CT) wird als digitales Leitkrankenhaus zum Reallabor für vernetzte Versorgung. Partner ist das europäische Healthtech-Unternehmen Doctolib.

 

Doctolib ist der breiten Bevölkerung in der Region vor allem als Terminbuchungsplattform in der ambulanten Versorgung bekannt. Inzwischen begleiten Sie jedoch ganze Versorgungspfade digital. Welche Rolle nimmt Doctolib heute im Gesundheitswesen ein? 

Terminbuchung war tatsächlich der Einstieg – aber dabei haben wir schnell gemerkt, dass es um eine viel grundlegendere Frage geht: Wie kommen die richtigen Informationen zur richtigen Zeit an den richtigen Ort?  

Heute begleiten wir den gesamten Patientenpfad: von der ersten Kontaktaufnahme mit einer Praxis über die digitale Aufnahme bis zur sektorübergreifenden Kommunikation – unterstützt durch KI-Lösungen. Das beste Beispiel: Für Arztpraxen haben wir gerade eine All-in-One-Praxissoftware gelauncht, die mit drei integrierten KI-Assistenten arbeitet – für Telefonannahme, Abrechnung und Gesprächsdokumentation. Das Ziel ist immer: Entlastung schaffen, damit mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten bleibt. Perspektivisch planen wir, die Lösung auch für medizinische Versorgungszentren  auszubauen. Die Praxissoftware-Landschaft ist extrem fragmentiert – da gibt es viel Modernisierungsbedarf. 

Für Krankenhäuser fungiert Doctolib als Infrastrukturpartner: So wie eine Region Straßen für Mobilität braucht, braucht ein Gesundheitssystem digitale Infrastruktur für Koordination und Informationsfluss. In der Lausitz nutzen bereits rund 40.000 Patientinnen und Patienten Doctolib.  Das ist eine Grundlage, auf der sich vernetzte Versorgung konkret gestalten lässt. 


Als Digitalisierungspartner unterstützt Doctolib die Medizinische Universität Lausitz, Carl Thiem (MUL-CT) als digitales Leitkrankenhaus in der „Modellregion Gesundheit Lausitz“. Welche Besonderheiten zeichnet dieses Projekt aus und welchen Beitrag leistet Doctolib zur intersektoralen Vernetzung in der Region? 

Was die Lausitz besonders macht, ist die Kombination aus Handlungsdruck und echtem Gestaltungswillen. Fachkräftemangel, eine älter werdende Ärzteschaft, geringe Bevölkerungsdichte – das kennen viele Regionen. Aber hier wird ernsthaft erprobt, wie man Versorgung systematisch und innovativ angehen und verbessern kann. 

Wir konzentrieren uns mit der Doctolib-Technologie auf drei Punkte. Erstens: die sektorübergreifende Vernetzung zwischen Klinik, MVZ und niedergelassenen Praxen. Zweitens: Entlastung bei Verwaltungsarbeit durch digitale Kommunikation und automatisierte Dokumentation. Drittens: Patientinnen und Patienten werden schneller und einfacher zur richtigen Zeit zum richtigen Versorger geleitet.  

Aus unserer Erfahrung lassen sich pro Einrichtung bis zu 16 Stunden Verwaltungsaufwand pro Woche einsparen: Das entspricht der Kapazität von rund 200 medizinischen Fachkräften, die wieder in der direkten Patientenversorgung zur Verfügung stehen. Das macht einen Unterschied – für die Fachkräfte – und vor allem für die Menschen in der Region. 

Die Lausitz hat das Potenzial, Vorreiterin im nationalen Vergleich zu werden. Die Prinzipien sind übertragbar: Vernetzung, Entlastung, Patientenzentrierung – das funktioniert überall. 


Interoperabilität ist nach wie vor eine zentrale Herausforderung, sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor. Wie stellt Doctolib sicher, dass seine Lösungen über offene Schnittstellen träger‑ und sektorübergreifend mit anderen Systemen zusammenarbeiten können? 

Interoperabilität ist die Grundvoraussetzung für effektive Digitalisierung. Unser Ansatz ist konsequent auf etablierte Standards ausgerichtet. Wir setzen auf internationale Healthcare-Standards wie HL7 v2 und FHIR, und wir erfüllen die Gematik-ISiK-Anforderungen für sektorübergreifende Kommunikation. So können wir sicherstellen, dass unsere Lösungen unabhängig vom Träger und vom eingesetzten Krankenhausinformationssystem funktionieren. Konkret bedeutet das: Integration mit den großen KIS-Anbietern auf dem deutschen Markt und eine  API-Architektur, die Drittanbieter-Integrationen ermöglicht. 

Standardisierung und lokale Anpassung müssen Hand in Hand gehen. Technisch elegante Lösungen, die regionale Strukturen ignorieren, funktionieren nicht – und rein lokale Insellösungen lassen sich nicht skalieren. Deshalb denken wir Digitalisierung immer im Kontext des gesamten Versorgungspfades, gemeinsam mit den Menschen, die täglich damit arbeiten. 


Doctolib ist auch an wissenschaftlichen Kooperationen interessiert, um gemeinsam Spitzenforschung im Gesundheitsbereich voranzutreiben und ein führendes Forschungslabor für KI und Gesundheit in Europa aufzubauen. Welche Erkenntnisse sollen gewonnen werden, wer kann davon profitieren – und welche Partnerschaften bestehen bereits? 

Wir arbeiten täglich mit tausenden Einrichtungen zusammen und sehen, wo Prozesse stocken oder schon fließen.  

Dieses Wissen alleine reicht aber nicht und braucht wissenschaftliche Begleitung. Konkret kooperieren wir im Bereich KI mit Forschungseinrichtungen wie dem DFKI in Deutschland und Inria in Frankreich – klinisch arbeiten wir unter anderem mit dem CHU de Nantes in Bezug auf KI-gestützte Triage-Systemen zusammen. Die Kooperation mit der MUL-CT ist besonders interessant für den deutschen Markt. Mit dem Forschungsschwerpunkt „Digitalisierung des Gesundheitswesens" besteht die Möglichkeit, digitale Infrastruktur unter realen Bedingungen zu evaluieren und zu verbessern.   

Grundlage bleibt Co-Creation und evidenzbasierte Zusammenarbeit. Hunderte von Ärztinnen, Ärzten, IT-Experten und medizinischen Fachkräften sind aktiv in unsere Entwicklungsprozesse eingebunden.


Doctolib ist seit 2016 mit seinem deutschen Hauptsitz in Berlin vertreten und seitdem kontinuierlich gewachsen. Welche Rolle spielen der Standort Berlin und die Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg für die Entwicklung und den Erfolg des Unternehmens? 

Tech-Talente, Spitzenforschung, das Health-Tech-Ökosystem, dazu die Dichte an medizinischen Institutionen und Verbänden – das macht Berlin zu einem strategischen Standort für Doctolib. Zunehmend spannend wird für uns auch Brandenburg. Die Modellregion Lausitz zeigt, dass die Hauptstadtregion zum Labor für neue Versorgungsmodelle werden kann – im Austausch zwischen Großstadt und ländlicher Versorgungsrealität.

Zur Person: Leonie Mentrup ist Director Hospital bei Doctolib Deutschland und verantwortet die Zusammenarbeit mit Kliniken und ambulanten Einrichtungen.