Interview | Prof. Alexander Meyer, Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM)

Das IKIM: Eine Schaltstelle für KI in der Medizin

Ende 2025 wurde durch die Charité und das Deutsche Herzzentrum der Charité das Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM) gegründet. Hier wird im Schwerpunkt KI anwendungsorientiert entwickelt, die evidenzbasierte Nutzung von KI-Anwendungen in Kliniken gewährleistet, an Methoden geforscht, die KI-Entscheidungen für Ärzte nachvollziehbar machen, und an einem schnellen Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis und Lehre gearbeitet. Geleitet wird das Institut von Professor Alexander Meyer, der auch die neu geschaffene Professur für KI in der Medizin übernommen hat. Er ist Facharzt für Herzchirurgie, Informatiker und forscht seit mehr als 16 Jahren an Machine Learning, Data Science und KI in der Medizin. Wir haben mit ihm vor allem über die Rolle des Instituts in der Charité und mögliche Anknüpfungspunkte für die Industrie gesprochen.

 

Was waren die zentralen Beweggründe für die Gründung des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM) – und welche strukturellen Hürden in bisherigen KI-Projekten möchten Sie damit überwinden?  

In Berlin haben wir ein tolles Umfeld für KI-Entwicklungen in der Medizin und darüber hinaus. Wir haben aber auch gemerkt: es fehlt eine organisatorische Zuordnung mit Durchsetzungskraft – und deshalb haben wir das IKIM gegründet. Damit wolllen wir  einen Beitrag zur Forschung leisten und dabei helfen, Entwicklungen nutzbar zu machen. Wir bringen Akteure aus der Medizin, aus der Datenwissenschaft und aus den Grundlagenwissenschaften im maschinellen Lernen sowie aus dem Big Data Processing zusammen und arbeiten zum Beispiel mit dem Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data (BIFOLD) zusammen, in dem ich auch eine Forschungsgruppe leite. Bei all dem geht es nicht darum, Entwicklungen zentral zu steuern, sondern eine zentrale Entität zu haben, die Medizin, KI und Machine Learning orchestriert. Beispielsweise haben wir mit anderen organisatorischen Einheiten gemeinsam eine KI-Strategie für die gesamte Charité erarbeitet, die wir mit mehr als 100 Akteuren und Stakeholdern innerhalb der Charité besprochen haben. Seit diesem Februar implementieren wir diese.

In puncto Hindernisse überwinden geht es vor allem darum, offene Fragen zu klären, etwa: Genügen Anwendungen den Anforderungen des AI-Acts, der Medical Device Regulation (MDR) und der DSGVO? Wie lassen sich Prozesse der KI-Entwicklung und -Anwendung monitoren? Wie können wir Anschlussfähigkeit zur Wirtschaft herstellen? Oder: Wie kommen Forschungsergebnisse schnell und gut in die Praxis? Auch dafür wollen wir ein zentraler Ansprechpartner sein.

 


Wie genau integriert das IKIM Datenwissenschaftler:innen in klinische Arbeitsprozesse? Und inwiefern führt das die Charité weiter hin zu einer Gesundheitseinrichtung, die eigene KI-basierte Tools und Plattformen entwickelt? 

Dahingehend haben wir an der Charité tolle Rahmenbedingungen, beispielsweise das Programm „Digital Clinician Scientist“. Daran nehmen digital affine ärztliche Kolleginnen und Kollegen teil, die tiefgehendes digitales Wissen mitbringen. Sie sind sozusagen Grenzgänger, die medizinische Belange gut an Kolleginnen und Kollegen der Informatik und Datenwissenschaften vermitteln und deren Input wiederum besser verstehen können. Darüber hinaus achten wir grundsätzlich darauf, dass wir unsere Teams interdisziplinär aufstellen. Bezüglich eigener Entwicklungen im Bereich KI-basierte Tools und Plattformen bemühen wir uns darum, zu einem ausbalancierten Make-or-Buy zu kommen. Wir versuchen also, je nach Anwendungsfall und -bereich zu entscheiden, ob es sinnvoll ist, selbst etwas zu entwickeln oder einzukaufen. Beispielsweise haben wir gute Tools aus dem Bereich Ambient Scribes – Software, die aus einer Aufzeichnung eines Arzt-Patienten-Gesprächs eine fertige Dokumentation erstellt – pilotiert. Gleichzeitig ist es so, dass wir nicht einfach große Anbieter wie ChatGPT oder Claude ausrollen können, denn die Daten werden Cloud-basiert und mitunter nicht in Europa verarbeitet. Es sind keine zertifizierten Medizinprodukte und ihre Nutzung ist sehr kostenintensiv. Wir haben seit einem Jahr eine eigene Plattform entwickelt, die extra für die Bedürfnisse der Universitätsmedizin optimiert ist.

 

 


Welche Rolle spielt die „digitale Modellklinik“ am Deutschen Herzzentrum der Charité für die Aktivitäten des IKIM? Inwiefern prägt Ihre herzchirurgische Expertise die thematischen Schwerpunkte des IKIM?

Das IKIM ist organisatorisch am Deutschen Herzzentrum angesiedelt, hat jedoch den klaren Auftrag, an der gesamten Charité zu wirken. Die digitale Modellklinik am Herzzentrum gibt uns dabei die einzigartige Möglichkeit, mit neuer Hardware – der Neubau des Herzzentrums – und neuer Software – zum Beispiel dem neuen Krankenhausinformationssystem – zu arbeiten. Sie kann damit eine Art Reallabor sein, in dem wir infrastrukturell nicht gehindert sind. Mit KI, Datenwissenschaften und Datenprodukten können wir hier bis 2029 einen Digitalisierungsgrad erreichen, der für Ärztinnen und Ärzte sowie für Patienten und Mitarbeitende viele Vorteile bringt und beispielhaft ist – etwa durch eine höhere Effizienz in der Behandlung sowie eine größere Transparenz. Meine herzchirurgische Expertise hat bei dieser Arbeit vielleicht den Einfluss, dass ich in einem ersten Schritt Ideen entwickele, die Lösungen im herzmedizinischen Bereich sein können. Nichtsdestotrotz arbeiten wir natürlich an Fragestellungen, die alle medizinischen Gebiete berühren.



Welchen Beitrag leistet das IKIM, dass KI-Systeme nicht nur technisch funktionieren, sondern auch den Anforderungen an klinische Evidenz, Governance und Patientensicherheit entsprechen?

Dahingehend gibt es zwei Aspekte: Zum einen forschen wir aktiv und generieren so klinische Evidenz. Zum anderen haben wir im Rahmen der KI- Strategie gemeinsam mit der KI-Compliance Richtlinien festgelegt, die es ermöglichen, das Risiko von Anwendungen einzustufen. Je höher das Risiko wird, desto mehr Instrumente benötigen wir, um eine Anwendung zum Beispiel zu monitoren. In dieser Hinsicht arbeiten wir in der Charité Hand in Hand mit dem Geschäftsbereich Governance, Compliance und Datenschutz, in den auch die KI-Compliance integriert ist, sowie mit den Geschäftsbereichen Recht und IT. Eigene Entwicklungen in die Praxis zu bringen, bedeutet: einen aufwändigen Zertifizierungsprozess durchlaufen. Deshalb ist es in Krankenhäusern meistens so, dass wir die klinische Anwendung eher zertifizierte Produkte hinzugekauft werden.



Welche strategischen Entwicklungen plant das IKIM, um KI langfristig als zentrale Infrastruktur im Gesundheitswesen zu etablieren – und wie sind die Beteiligungsmöglichkeiten der Industrie?

Die bereits angesprochene KI-Strategie läuft auf dem Papier von 2026 bis 2030. Sie ist aber kein starrer Plan, sondern ein lebendes Dokument. Hier ist so viel Bewegung, dass niemand sagen kann, was 2030 möglich ist. Insofern ist das Jahr 2030 auch nur ein grober Rahmen. Als übergeordnetes Ziel sehe ich, dass das IKIM im Forschungs- und Anwendungsbereich einen wirklichen Mehrwert an der Charité generieren kann, so dass wir KI in der Medizin effizient implementieren. Wir schauen hier insbesondere auf die Anwendung von Foundation Models und agentischen KI-Systemen. Solche Systeme können vielleicht innerhalb der kommenden vier Jahre semiautonom bis autonom mit klinischen Systemen interagieren und dann mitunter auch Entscheidungen treffen. Natürlich wollen wir dabei auch die Wirtschaft integrieren. Dahingehende Anschlussmöglichkeiten wollen wir nun anschauen. Die digitale Modellklinik am Deutschen Herzzentrum wäre zum Beispiel ein guter Rahmen, um neue Anwendungen und Produkte zu erproben und weiterzuentwickeln. Daten, die dabei erhoben werden, ließen sich etwa für die Zulassung der Produkte und für uns zur Forschung nutzen.



Berlin zählt zu den forschungsstärksten Regionen Europas, geprägt durch eine außergewöhnliche Dichte an Universitäten, außeruniversitären Instituten und Technologieparks. Welche Rolle spielt dieses einzigartige Ökosystem und das Cluster HealthCapital Berlin Brandenburg für die Arbeit des IKIM und die Entwicklung medizinischer KI?

Berlin ist toll! Als ich hierher gezogen bin, war ich erstaunt über die vielen Möglichkeiten, die man hier hat. Man kann gar nicht alle nutzen, das gilt vor allem in Hinblick auf die zahlreichen Netzwerk- Events. Als ich seiner Zeit an der Gründung von x-cardiac beteiligt war, hat uns Berlin Partner bei der Ausgründung unterstützt und vom Netzwerken bis hin zur Suche nach geeigneten Büroräumen vieles erleichtert. Letztlich ist auch die Nähe zu den Bundesministerien und Regierungsorganen ein großer Vorteil der Stadt. Zudem bringt die Dichte an Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie die Charité mit sich, dass man vergleichsweise schnell zu jedem exotischen Problem eine Expertin oder einen Experten findet. Berlin bietet großartige Rahmenbedingungen.



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Zur Person: 

Alexander Meyer ist seit dem 1. Mai 2025 W3-Professor für Künstliche Intelligenz in der Medizin an der Charité sowie am DHZC und Gründungsdirektor des IKIM. Er studierte Medizin in Frankfurt am Main und forschte von 2010 bis 2011 an der Rockefeller University in New York. Nach seiner Promotion 2014 in Leipzig wechselte er 2015 an das damalige Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB, heute DHZC), wo er bis heute tätig ist. Als Teilnehmer des BIH-Clinician-Scientist-Programms verband er die Facharztausbildung zum Herzchirurgen am DHZC mit KI-Forschung. Im BIH Digital Health Accelerator entwickelte er KI-basierte Medizintechnologie, die er mit einer Ausgründung in das Start- up x-cardiac in die klinische Anwendung brachte. 2020 habilitierte er in Berlin und wurde auf die W2- Professur „Clinical Applications of AI and Data Science“ an der Charité berufen. Seit 2023 ist er Chief Medical Information Officer (CMIO) am DHZC, wo er strategisch die digitale Transformation und KI- Integration verantwortet.