Neue Erkenntnisse zur Rolle von Fettgewebe bei chronischen Entzündungen des Darms
Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Max Delbrück Center für Molekulare Medizin haben im Kontext des Exzellenzclusters ImmunoPreCept neue Erkenntnisse zur Rolle des Fettgewebes bei chronischen Darmentzündungen gewonnen.
Welche wissenschaftliche Fragestellung liegt Ihrer Studie zugrunde?
Chronische Darmentzündungen entstehen durch ein gestörtes Zusammenspiel von Darmbarriere, Mikrobiom und Immunsystem. Wir wollten verstehen, ob Signale aus dem Fettgewebe diese Prozesse aktiv beeinflussen. Besonders interessierte uns, ob fettgewebsvermittelte Signalstoffe wie das Hormon Leptin Immunzellen aktivieren. Diese wiederum können entzündliche Reaktionen im Darm fördern und die Stabilität der Darmbarriere beeinträchtigen.
Wie sind Sie vorgegangen?
Wir haben Tiermodelle ohne Fettgewebe und einen Patienten mit einer seltenen Erkrankung mit vollständigem Fettgewebsverlust, einer erworbenen generalisierten Lipodystrophie (AGLCD), für unsere Untersuchungen herangezogen. In den Tiermodellen untersuchten wir Entzündungsreaktionen, die Funktion der Darmbarriere und die Auswirkungen von Fettgewebstransplantationen. Immunzellen und die Effekte einer therapeutischen Behandlung mit Leptin standen bei dem Patienten im Vordergrund.
Was haben Sie herausgefunden?
Modelltiere ohne Fettgewebe waren besser vor Darmentzündung geschützt und hatten eine stabilere Darmbarriere. Wurde ihnen Fettgewebe transplantiert, verstärkten sich Entzündungsreaktionen, allerdings nur dann, wenn das Fettgewebe Leptin produzieren konnte. Fettgewebe ohne funktionelles Leptin zeigte diesen Effekt nicht. Der untersuchte AGLCD-Patient entwickelte trotz fehlenden Fettgewebes einen Morbus Crohn, was darauf hindeutet, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen müssen.
Was hat Sie überrascht?
Es schien unseren bisherigen Erkenntnissen zu widersprechen, dass der Patient mit vollständigem Verlust des Fettgewebes und fehlender eigener Leptinproduktion eine chronische Darmentzündung entwickeln würde. Bei umfassenden Analysen fanden wir allerdings in seinen Abwehrzellen eine erworbene genetische Veränderung, die entzündliche Immunreaktionen begünstigt. Außerdem war unter der Leptin-Therapie die Zahl entzündungsfördernder Immunzellen angestiegen.
Welches Fazit können Sie ziehen?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Fettgewebe ein aktiver Regulator von Immunreaktionen im Darm ist. Vom Fettgewebe freigesetzte Botenstoffe können Entzündungen im Darm verstärken. Der hinzugezogene Patientenfall macht jedoch deutlich, dass auch erworbene genetische Veränderungen in Immunzellen zur Entstehung solcher Entzündungen beitragen können. Diese können durch starke Signale aus dem Fettgewebe, etwa durch Leptin, zusätzlich verstärkt werden.
Weiterführend Informationen:
- Link zur Originalpublikation auf der Webseite von JCI
- Link zur Charité-Webseite der AG Siegmund "Chronische Darmentzündung"
- Link zum Exzellenzcluster ImmunoPreCept
Kontakt
Prof. Carl Weidinger & Prof. Britta Siegmund
Medizinische Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie
Campus Benjamin Franklin
Charité – Universitätsmedizin Berlin