Neue Erkenntnisse zu mRNA-Therapeutika
Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des BIH Center for Regenerative Therapies (BCRT) haben neue Erkenntnisse zu Immunreaktionen gegen therapeutische mRNAs gewonnen. Hier beantwortet Studienleiter Dr. Norman Drzeniek Fragen zu den Forschungsergebnissen.
Welche wissenschaftliche Fragestellung liegt Ihrer Studie zugrunde?
Wir wissen, dass mRNA-Therapeutika und mRNA-Impfstoffe unter bestimmten Umständen entzündliche Immunantworten in körpereigenen Zellen stimulieren können. Um eine zu starke Entzündungsreaktion zu vermeiden, kann man die mRNA gezielt chemisch modifizieren. Auch bei den mRNA-Impfstoffen gegen Corona hat man modifizierte mRNA eingesetzt. Bisher ungeklärt war, inwiefern die Immunantwort gegen mRNA vom Zielgewebe abhängt. Also: Macht es einen Unterschied, ob die mRNA-Therapie z.B. auf die Niere oder auf Fresszellen des Immunsystems ausgerichtet ist?
Wie sind Sie vorgegangen?
Ganz einfach: Wir haben menschliche Zellen aus verschiedenen Geweben mit mRNA behandelt und die Entzündungsreaktion der verschiedenen Zellen gemessen. Da ich auch als Arzt in der Klinik für Rheumatologie Patientinnen und Patienten mit Autoimmunerkrankungen behandle, haben uns besonders T-Zellen interessiert. Das sind Immunzellen, die aktuell als Teil der sogenannten CAR-T-Zell-Therapie für viel Aufsehen in der Rheumatologie sorgen, weil sie als ein möglicher Heilungsansatz für Autoimmunerkrankungen gelten. Wir arbeiten daran, CAR-T-Zellen mithilfe von mRNA herzustellen, ihre Reaktion darauf ist für uns deshalb besonders relevant.
Was haben Sie herausgefunden?
Fresszellen des Immunsystems haben empfindlicher auf mRNA reagiert als Zellen der Blutgefäße, der Nieren und des Bindegewebes. Selbst hier ließ sich die Entzündung aber gut durch Modifikation des Uridins, eines Bestandteils der mRNA, kontrollieren. Das deckt sich gut mit unseren Vorarbeiten, in denen wir die Bedeutung verschiedener Uridinmodifikationen bei mRNA-Therapeutika untersucht hatten.
Was hat Sie überrascht?
Die Reaktion der T-Zellen auf mRNA: wir konnten sie nicht nachweisen! Damit haben wir wirklich nicht gerechnet, denn bisher dachte man, dass alle Zelltypen entzündlich auf mRNA reagieren und man diesen Entzündungsreaktionen durch aufwändige mRNA-Modifikation vorbeugen muss. Für die Entdeckung dieses Prinzips gab es 2023 sogar den Nobelpreis in Medizin! In den T-Zellen war eine solche Reaktion jedoch entweder ganz abwesend oder zumindest so minimal, dass wir sie nicht messen konnten.
Welches Fazit können Sie ziehen?
Das nobelpreiswürdige Prinzip scheint für T-Zellen nicht zu gelten. Das ist super, weil wir uns damit keine allzu großen Sorgen über Entzündung machen müssen, wenn wir die mRNA verwenden, um beispielsweise CAR-T-Zellen für unsere Rheuma-Patientinnen und -Patienten herzustellen. Im Gegenteil: die CAR-T-Zellen waren sogar potenter, wenn wir sie mit unmodifizierter mRNA hergestellt haben. Das macht die Produktion dieser vielversprechenden Zelltherapie deutlich einfacher und kostengünstiger.
Kontakt
Dr. Norman Michael Drzeniek
BIH Center for Regenerative Therapies (BCRT) &
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
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