Interview I Prof. Nikolaus Rajewsky, Einstein-Zentrum für Early Disease Interception: Zellbasierte Präzisionsmedizin aus Berlin

Milliarden Zellen, hunderte Zelltypen, viele verschiedene Gewebe und Organe: die schiere Menge und Komplexität erklären, warum Veränderungen nicht schon am Beginn einer Erkrankung entdeckt werden, sondern oft erst nach Einsetzen der ersten Symptome.
Das Einstein-Center für Early Disease Interception (EC-EDI) will dort ansetzen: In den nächsten sechs Jahren arbeiten zwölf führende Institutionen in Berlin zusammen, um sehr frühe molekulare Biomarker für neurologische und pulmonale Erkrankungen zu identifizieren und für Diagnostik und Therapie nutzen zu können.

Ende 2025 wurde durch die Charité und das Deutsche Herzzentrum der Charité das Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM) gegründet. Hier wird im Schwerpunkt KI anwendungsorientiert entwickelt, die evidenzbasierte Nutzung von KI-Anwendungen in Kliniken gewährleistet, an Methoden geforscht, die KI-Entscheidungen für Ärzte nachvollziehbar machen, und an einem schnellen Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis und Lehre gearbeitet. Geleitet wird das Institut von Professor Alexander Meyer, der auch die neu geschaffene Professur für KI in der Medizin übernommen hat. Er ist Facharzt für Herzchirurgie, Informatiker und forscht seit mehr als 16 Jahren an Machine Learning, Data Science und KI in der Medizin. Wir haben mit ihm vor allem über die Rolle des Instituts in der Charité und mögliche Anknüpfungspunkte für die Industrie gesprochen.

 

Wir sprechen mit Prof. Dr. Dr. h. c. Nikolaus Rajewsky, Initiator des EC-EDI sowie Direktor des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie am Max Delbrück Center und Professor an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

1. Wieso fokussieren Sie sich auf Lungen- und neuronale Erkrankungen?

In der Aufbauphase haben wir einen offenen Prozess gestartet: Forschende aus verschiedenen Institutionen haben gemeinsam überlegt, in welchen Bereichen eine interinstitutionelle Zusammenarbeit den größten Hebel bietet, welche Themen klinisch und auch forschungsrelevant sind. So haben wir alle uns für Demenzerkrankungen und bestimmte Lungenerkrankungen entschieden.

2. Entsteht so ein Projekt aus dem „Nichts“?

Der Begriff zellbasierte Medizin ist noch nicht so alt und wurde 2020 vor allem in einem Nature-Artikel von mir zusammen mit weiteren hochkarätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geprägt. Aber das Thema begleitet mich schon länger, z.B. beim Aufbau verschiedener Projektkonsortien wie Life Time (EU), Virchow 2.0 (Cluster 4 Future) oder dem erfolgreichen (neuen) Exzellenzcluster ImmunoPreCept.

3. Neben der Exzellenz - was ist das Besondere an dem Projekt?

Das EC-EDI ist ein offenes Ökosystem, in das sich weitere (auch internationale) Institutionen, Unternehmen, und auch Investoren einbringen können. Mit einem neuartigen Innovationskonzept wollen wir hier schneller als bisher möglich inter-institutionelle Wissenschaft und Umsetzung in Innovation voranbringen. Zusätzlich verfolgen wir keinen „Top-Down“-Ansatz. Hier sollen sich wirklich alle interessierten Personen aus der Wissenschaft und Gesellschaft einbringen. So ist z.B. auch das Museum für Naturkunde in Berlin beteiligt.

4. Wird eine Kooperation mit Unternehmen angestrebt und sehen Sie hier auch eine Rolle des Clusters HealthCapital?

Das aktuelle Konzept wird u.a. durch das Bruker Center of Excellence unterstützt. Zukünftig möchten wir die Zusammenarbeit mit Unternehmen weiter ausbauen und freuen uns auch über direkte Kontaktaufnahme. Für die Identifikation geeigneter Unternehmen und die Vernetzung nehmen wir, wie in der Vergangenheit bei anderen Initiativen bereits geschehen, die Unterstützung des Clusters HealthCapital sehr gern in Anspruch.

5. Wohin geht die Reise, gibt es schon Ideen für die nahe oder ferne Zukunft?

Mein Ziel ist der Aufbau einer Berliner Zellklinik – das Berlin Cell Hospital. Dabei soll es sich um ein Zentrum handeln, in dem molekulare Präventionsstrategien und -diagnostik entwickelt sowie neue Wirkstoffziele für molekulare und zelluläre Therapien identifiziert werden. Der Transfer der Erkenntnisse in die Anwendung soll dabei ebenso Teil des Konzepts sein wie definierte Aus- und Weiterbildungsprogramme. Ein weiterer Schritt zur Stärkung des Berliner Life Sciences Ökosystems.

 

Weiterführende Links:

Nature-Paper: LifeTime and improving European healthcare through cell-based interceptive medicine | Nature
Spannendes weiterführendes Interview mit Prof. Rajewsky und Prof. Sander: Einstein Center for Early Disease Interception: Charité – Universitätsmedizin Berlin

EC-EDI bei der Einstein-Stiftung: Einstein-Zentrum Early Disease Interception – Einstein Stiftung Berlin