Wann wird der Krebs endlich besiegt sein? Einschätzungen von Prof. Ulrich Keilholz, Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC)

Die gute Nachricht vorweg: Wir sind dafür schon auf dem richtigen Weg. In Deutschland ist die Sterblichkeit an Krebserkrankungen in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. Die Schlüssel zu diesem Erfolg waren die fächer- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit, die medizinische Forschung und die Früherkennung. Und das Potenzial in allen drei Bereichen ist nicht aufgebraucht. Es sind weitere erhebliche Weiterentwicklungen möglich, darüber hinaus könnten viele Krebserkrankungen durch Prävention verhindert werden. Der Krebs ist also bereits heute immer öfter heilbar.

 

Vor der Jahrtausendwende waren die drei Methoden der Krebsbehandlung Operation, Strahlen- und Chemotherapie vor allem dann erfolgreich, wenn der Tumor früh entdeckt wurde. Das hat sich in den letzten 20 Jahren geändert. Die Fortschritte der Genomforschung ermöglichten es, die vielfältigen molekularen Gründe für das ungehinderte Wachstum von bösartigen Tumoren aufzuklären. Diese Erkenntnisse waren entscheidend für die anschließende rasche Entwicklung zahlreicher Medikamente, die gezielt die fehlregulierten Signalwege in den Krebszellen blockieren und damit die Erkrankung häufig effektiv kontrollieren können.

Krebs wird immer mehr zu einer chronischen Erkrankung

Aber Heilung durch die neuen Wirkstoffe ist selten, weil die meisten Krebszellen nach Monaten oder Jahren Resistenzen entwickeln. Durch einen Wechsel der Medikamente kann dann zwar erneut effektiv behandelt werden, doch auch dieser Erfolg ist nicht von Dauer. Die nächste Resistenz ist dann schon in Sicht. Trotzdem ist das ein großer Erfolg, denn der Krebs wird so von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung.

Immer öfter setzt die Medizin im Kampf gegen den Krebs auf das Immunsystem des Patienten. Denn je mehr Eiweiße in der Krebszelle verändert sind, desto besser können sie vom Immunsystem erkannt werden. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit der Behandlung mit sogenannten Immuncheckpoint-Inhibitoren, die die Immunabwehr gegen Krebszellen aktivieren. Davon haben viele Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen bereits seit der ersten Anwendung vor 15 Jahren langfristig profitiert. Für die Entdeckung der Immuncheckpoints, mit denen sich Krebszellen vor dem Immunsystem tarnen können, und deren hemmenden Wirkstoffen – den Inhibitoren – wurde 2018 der Nobelpreis verliehen.

Heute wird dieses Behandlungsprinzip bereits erfolgreich in früheren Krankheitsphasen eingesetzt, um entweder nach Operation oder Strahlentherapie Rückfälle zu verhindern oder bereits vor einer Operation das Immunsystem scharf zu machen, wodurch die Heilungsraten bei ersten Krebserkrankungen nochmals verbessert werden können.

Damit sind wir aber nicht am Ende der Entwicklung neuer Behandlungsformen angelangt. Für einen erfahrenen Krebsarzt ist es faszinierend, mit welcher Geschwindigkeit derzeit weitere neue Ansätze entwickelt werden. Dazu zählen neue RNA-Impfstoffe, die das Immunsystem mit krebsspezifischen Eiweißen trainieren, auch getarnte Krebszellen zu erkennen und zu bekämpfen. Oder biotechnisch hergestellte Antikörper, an die Krebsgifte gekoppelt sind. Diese können gezielt in die Tumorzellen gebracht werden und sie vernichten. Oder sogenannte bispezifische Moleküle, die im Körper Krebszellen mit Immunzellen verbinden und dadurch die Tumorzellen für das Immunsystem erkennbar machen.

Viele dieser neuen Verfahren sind zwar noch in der präklinischen Forschung, doch sie überzeugen bereits bei der Erstanwendung am Menschen, bei der zum Teil die Hälfte der Patientinnen und Patienten auf diese Therapie ansprechen. In den universitären Krebszentren stehen diese neuen Therapieansätze bereits lange vor der Zulassung im Rahmen streng kontrollierter klinischer Studien zur Verfügung.Viele dieser Studien werden bald abgeschlossen sein. Ich rechne damit, dass mehrere dieser Ansätze bereits innerhalb der nächsten 2-3 Jahre für die breite medizinische Anwendung zugelassen werden.

Nur jeder zweite wird in spezialisierten Zentren behandelt

Neue Therapieansätze sind aber nur eine Seite auf dem Weg zum Sieg über den Krebs. Die andere Seite ist der bestmögliche Einsatz der neuen Möglichkeiten. Dafür ist es entscheidend, dass der Behandlungsplan für einzelne Patientinnen und Patienten bereits vor Beginn der Behandlung von einem Team aus erfahrenen Fachärzten aller beteiligten Fachgebiete aufgestellt und in einer interdisziplinären Tumorkonferenz diskutiert wird. Zu festgelegten Zeitpunkten wird der Behandlungserfolg überprüft und erneut in der Tumorkonferenz besprochen. Nur so ist es möglich, alle Optionen passend einzusetzen. Die Deutsche Krebsgesellschaft hat ein Zertifizierungssystem entwickelt, bei der die Behandlungsqualität in den Zentren regelmäßig überprüft wird.

Die Zertifizierung kann in einer Klinik für einzelne Tumorerkrankungen erreicht werden, zum Beispiel als Brustkrebs- oder Darmkrebszentrum und ebenso für mehrere Erkrankungen in übergreifenden Onkologischen Zentren. Bestenfalls wird die Zertifizierung für alle Krebserkrankungen erreicht, wie in einigen Universitätskliniken – so auch in der Charité. Alle aktuellen Zertifikate finden Sie hier: www.oncomap.de

Dieses System der zertifizierten Zentren ist ein gelungener Schritt. Die dort behandelten Patientinnen und Patienten zeigen signifikant höhere Heilungsraten. Hier schlummert weiteres Potenzial, um immer mehr Krebserkrankte heilen zu können. Eine Erhebung der AOK hat gezeigt, dass die Krebsbehandlung bei deutlich weniger als der Hälfte der Erkrankten in zertifizierten Zentren erfolgt war. Seit dieser Analyse hat sich der Anteil der in Zentren behandelten Menschen zwar etwas erhöht, aber viel zu häufig stellen sie sich erst in Zentren vor, nachdem die Erstbehandlung bereits suboptimal begonnen wurde.

Deutschland hat nicht den ersten Zugang zu Medikamenten

Für den Zugang zu neuen Therapieformen ist zusätzlich die Bildung wissenschaftlicher Zentren entscheidend. Trotz exzellenter Grundlagenforschung in Deutschland sind wir oft nicht die ersten, die Zugang zu neuen Medikamenten haben, da die Strukturen hierzulande sehr zersplittert und bürokratisch sind. Doch auch hier stehen positive Veränderungen an: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat im Rahmen der Dekade gegen den Krebs erhebliche Mittel für ein Konsortium des Nationalen Centrums für Tumormedizin (NCT) bereitgestellt. Das NCT ist eine langfristig angelegte Kooperation zwischen dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), Universitätskliniken und weiteren Forschungspartnern an verschiedenen Standorten in Deutschland: Berlin, Dresden, Heidelberg, SüdWest (Tübingen/Stuttgart-Ulm), WERA (Würzburg mit den Partnern Erlangen, Regensburg und Augsburg) und West (Essen/Köln). Die Bund-Länder-Vereinbarung zur gemeinsamen Förderung dieser wichtigen neuen Struktur wurde vergangene Woche unterzeichnet.

Diese Konzentration klinischer und wissenschaftlicher Expertise – unter Einbeziehung der Patientenperspektive durch einen Patienten-Forschungsrat - wird in der Lage sein, die vielen faszinierenden Neuentwicklungen in der Krebsmedizin systematisch und effektiv einzusetzen.

Die Chancen durch die neuen Therapieansätze, durch eine immer besser genutzte, spezialisierte medizinische Versorgung und durch die intensivierte Kooperation in Forschung und Therapie machen mir Hoffnung, dass bis zum Jahr 2029 - dem Ende der Nationale Dekade gegen den Krebs – zum einen die Heilungsrate bei vielen Krebserkrankungen deutlich höher sein wird als heute und zum anderen, dass die anderen Krebserkrankungen nicht mehr tödlich verlaufen, sondern bei guter Lebensqualität langfristig zu kontrollieren sind. Oder pointierter ausgedrückt: Bis zum Ende des Jahrzehnts könnte der Großteil der Krebserkrankungen kein Todesurteil mehr sein.

Ulrich Keilholz ist Direktor des Charité Comprehensive Cancer Center (CCCC). Das CCCC organisiert und koordiniert die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Tumormedizin unter den verschiedenen Charité Centren, den interdisziplinären Tumorambulanzen, den Fachdisziplinen und den Berliner Forschungseinrichtungen.