NMDA-Rezeptor-Enzephalitis kann zu langfristigen Hirnveränderungen führen
Welche wissenschaftliche Fragestellung liegt Ihrer Studie zugrunde?
Die NMDA-Rezeptor-Enzephalitis zählt zur Gruppe der autoimmunen Hirnentzündungen, bei denen das Immunsystem das eigene Gehirn angreift. Erst 2007 wurde sie als eigenständige Erkrankung entdeckt. Betroffen sind vor allem jüngere Frauen, wobei sich die Erkrankung durch eine Mischung aus schweren neurologischen und psychiatrischen Symptomen äußert. Obwohl die akuten Beschwerden meist mit einer immunsuppressiven Behandlung zurückgehen, werden bei vielen Erkrankten auch Jahre später noch Auswirkungen beobachtet. Weitgehend unklar ist, welche Hirnveränderungen solchen Spätfolgen zugrunde liegen.
Wie sind Sie vorgegangen?
In unserer Studie untersuchten wir den Krankheitsverlauf von 70 Patient:innen mit NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Wir erfassten die akuten Symptome zu Beginn der Erkrankung und die trotz Behandlung andauernden Symptome in einer späteren Krankheitsphase. Außerdem zogen wir MRT-Aufnahmen des Gehirns hinzu und verglichen diese zwischen Betroffenen und gesunden Personen. Dabei nutzen wir die sogenannte Fraktale Dimension – ein neueres Maß, das das Gehirn anhand seiner morphologischen Komplexität beschreibt. Mit statistischen Berechnungen konnten wir ermitteln, wie stark die Gehirne einzelner Patient:innen von gesunden Gehirnen abwichen.
Was haben Sie herausgefunden?
Etwa zwei Drittel der Betroffenen wiesen trotz Behandlung relevante Spätfolgen auf, vor allem anhaltende Gedächtnisstörungen und psychiatrische Symptome. Zugleich zeigten unsere MRT-Analysen feinste strukturelle Veränderungen in den Gehirnen der Betroffenen. Diese waren mit den klinischen Spätfolgen verknüpft: Patient:innen mit andauernden Symptomen zeigten deutlich stärkere Hirnveränderungen als symptomfreie Patient:innen – ein Zusammenhang, den wir sowohl für anhaltende Gedächtnisstörungen als auch für andauernde psychiatrische Symptome nachweisen konnten.
Was hat Sie überrascht?
In der Akutphase waren fast alle Patient:innen von psychiatrischen Symptomen betroffen, nach Behandlung noch etwa ein Drittel. Überraschend war, wie deutlich sich die Art dieser Beschwerden im Langzeitverlauf veränderte: Während in der Akutphase Beschwerden wie Wahnvorstellungen und Halluzinationen im Vordergrund standen, zeigten Patient:innen nach zwei bis drei Jahren überwiegend emotionale Symptome wie Depressivität oder starke Stimmungsschwankungen.
Welches Fazit können Sie ziehen?
Unsere Studie zeigt, dass Spätfolgen der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis mit langfristigen Veränderungen der Hirnstruktur in Verbindung stehen. Zudem verdeutlicht sie die Bedeutung von anhaltenden Gedächtnisstörungen und psychiatrischen Symptomen für den klinischen Langzeitverlauf. Nicht zuletzt erweisen sich die hier verwendeten Komplexitätsanalysen von MRT-Daten als vielversprechender neuer Ansatz zur Beschreibung von Hirnveränderungen. Diesen Ansatz untersuchen wir aktuell auch bei anderen Erkrankungen.
Kontakt
Dr. Stephan Krohn & Prof. Carsten Finke
Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Links
- Link zur Originalpublikation auf der Webseite von The Lancet Psychiatry
- Link zur Charité-Webseite der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie
- Link zur Website der AG Cognitive Neurology
- Link zur Berlin School of Mind & Brain