Jede:r Vierte in Deutschland fühlt sich regelmäßig einsam: Junge Erwachsene fast doppelt so häufig betroffen wie die Generation 55 plus
33 Prozent der 25- bis 34-Jährigen fühlen sich regelmäßig einsam
Knapp die Hälfte (46 Prozent) der Deutschen sind der Meinung, dass vor allem Menschen ab 65 Jahren von Einsamkeit betroffen sind. Und fast ein Drittel (31 Prozent) glauben, dass diese Altersgruppe beim Thema Einsamkeit am wenigsten öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung erhält. Die Daten aus der Umfrage zeichnen jedoch ein ganz anderes Bild: Ein Drittel (33 Prozent) der 25- bis 34-Jährigen geben an, sich häufig oder sehr häufig einsam zu fühlen. Auch in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es 32 Prozent. Bei den über 55-Jährigen liegt dieser Anteil dagegen bei nur 18 Prozent.
Jüngere Menschen gehen dabei offener mit dem Gefühl der Einsamkeit um: 51 Prozent der 18- bis 24-Jährigen würden bei anhaltender Einsamkeit das Gespräch mit Familie oder Freunden suchen, bei den über 55-Jährigen sind es dagegen nur 38 Prozent. Nur 11 Prozent der 18- bis 24-Jährigen würden das Gefühl, einsam zu sein, ganz für sich behalten. Bei den 45- bis 54-Jährigen ist es mehr als jede:r Vierte (26 Prozent).
„Jüngere Menschen sind schon seit einigen Jahren besonders stark durch Einsamkeit belastet, nicht nur in Deutschland, sondern europaweit. Diese Studie zeigt, dass dieser Trend leider weiterhin anhält. Die Gründe dafür sind vermutlich vielseitig und komplex: Spätfolgen der Pandemie, soziale Medien und KI, oder auch die allgemein gestiegene psychische Belastung durch multiple Krisen oder persönliche schwierige Lebensumstände – all dies sind Faktoren, die Einsamkeit bei jungen Menschen teilweise, aber nicht vollständig erklären können”, sagt Prof. Dr. Maike Luhmann, Einsamkeitsforscherin und Autorin des Buchs „Einsamkeit: Warum sie uns alle betrifft“
23 Prozent fühlen sich einsam mitten unter Menschen
Von denjenigen, die sich in den vergangenen zwölf Monaten mindestens gelegentlich einsam gefühlt haben, nennen 40 Prozent das Alleinsein über längere Zeit als häufigsten Grund. 31 Prozent erleben das Gefühl vor allem in stressigen Lebensphasen. 23 Prozent berichten, dass sie sich auch dann allein gefühlt haben, wenn andere Menschen um sie herum waren, zum Beispiel auf Veranstaltungen, im Büro oder in der Familie.
Bei 53 Prozent hat Einsamkeit bereits die Gesundheit belastet
53 Prozent geben an, dass ihre Gesundheit bereits unter empfundener Einsamkeit gelitten hat, bei 18 Prozent war der Einfluss erheblich. Von denjenigen, die angaben, dass Einsamkeit ihre psychische oder körperliche Gesundheit bereits einmal belastet hat, berichten 64 Prozent von Niedergeschlagenheit, 59 Prozent von weniger Motivation im Alltag sowie jeweils 46 Prozent von sozialem Rückzug und Schlafproblemen.
„Chronische Einsamkeit erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depression und Angststörungen und auch für viele körperliche Erkrankungen, von einer erhöhten Anfälligkeit für Erkältungen über Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems bis hin zu Typ 2- Diabetes und Demenz. Zum einen wirkt sich Einsamkeit direkt auf den Körper aus, denn Einsamkeit ist eine Form von Stress, die unser Immunsystem auf Dauer schwächen kann. Zum anderen neigen von Einsamkeit betroffene Menschen auch eher zu ungesunden Verhaltensweisen, sie schlafen schlechter, ernähren sich weniger bewusst und bewegen sich seltener.”, so Prof. Dr. Maike Luhmann weiter.
41 Prozent würden Familie fragen, nur 16 Prozent professionelle Hilfe suchen
Auf die Frage, ob sie offen darüber sprechen würden, wenn sie sich anhaltend einsam fühlen, würden 41 Prozent der Befragten das Gespräch mit Familie oder engen Freunden suchen. Nur 16 Prozent würden aktiv professionelle Hilfe suchen, zum Beispiel in einer Therapie, Beratung oder über eine Hotline. 22 Prozent empfinden es als unangenehm oder peinlich, offen darüber zu sprechen. Weitere 20 Prozent würden das Gefühl ganz für sich behalten.
Wer tatsächlich versucht hat, professionelle Unterstützung für psychische Belastungen wie Einsamkeit zu finden, stößt häufig auf Hürden: 14 Prozent mussten mehr als drei Monate warten. 8 Prozent fanden trotz Suche keinen Platz. Immerhin 12 Prozent hatten keine Schwierigkeiten, Hilfsangebote zu erhalten.
84 Prozent finden Einsamkeit so gefährlich wie eine chronische Erkrankung
84 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass Einsamkeit genauso gefährlich sein kann wie eine chronische Erkrankung. Dennoch sagen 69 Prozent, dass es hierzulande noch immer ein gesellschaftliches Tabu ist, offen über Einsamkeit zu sprechen. Wer sich dauerhaft einsam fühlt, würde sich am ehesten an einen engen Freund oder ein Familienmitglied (46 Prozent) wenden als an offizielle Anlaufstellen. Nur 8 Prozent würden Psychotherapeut:innen oder Psychiater:innen kontaktieren, 6 Prozent die Hausarztpraxis.
83 Prozent sehen dabei digitale Kommunikation über WhatsApp oder Social Media nicht als Ersatz für echte persönliche Nähe. Auch KI-Chatbots oder Apps werden als Substitut im Umgang mit Einsamkeit skeptisch bewertet: Nur 27 Prozent halten sie für sinnvoll.
75 Prozent erwarten Zunahme, nur 26 Prozent sehen genug Unterstützungsangebote
75 Prozent der Deutschen rechnen damit, dass die Einsamkeit in Deutschland künftig zunehmen wird. 71 Prozent halten es bereits heute für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, dass sich jemand aus dem eigenen Umfeld einsam fühlt, ohne dass man es weiß.
47 Prozent empfinden Einsamkeit in erster Linie als persönliches Problem, 42 Prozent als gesellschaftliches. Entsprechend sehen 58 Prozent zuerst jede und jeden Einzelnen selbst in der Verantwortung, Einsamkeit zu bekämpfen. Erst danach folgen Vereine und soziale Initiativen (17 Prozent) sowie Politik und Gesundheitswesen (je 13 Prozent). Gleichzeitig sagen nur 26 Prozent, dass es in Deutschland genügend Angebote und Anlaufstellen für von Einsamkeit Betroffene gibt.
Tipps, die Betroffenen und Angehörigen helfen können
- Sprechen Sie Menschen an: Im Zug, in der Nachbarschaft oder beim Sport. Die Forschung zeigt: Menschen unterschätzen systematisch, wie angenehm und interessant Gespräche mit anderen sein werden. Die tatsächliche Erfahrung war durchgehend positiver als die Erwartung – ob mit Fremden oder Bekannten, ob persönlich oder online.
- Werden Sie in der Nachbarschaft aktiv: Helfen Sie beim Tragen von Einkäufen oder Kinderwagen, halten Sie die Tür auf oder beginnen Sie spontan ein kurzes Gespräch. Gemeinschaft entsteht schon durch kleine Gesten.
- Nutzen Sie lokale Angebote: Sportvereine, Volkshochschulen, Seniorentreffs oder Nachbarschaftsinitiativen bieten Zugänge zur Gemeinschaft. Fündig werden Sie auf der Angebotslandkarte des Kompetenznetzes Einsamkeit, auf der Website Ihrer Gemeinde oder über Social-Media-Angebote.
Weiterführende Informationen und Anlaufstellen finden Sie hier.
Über die Studie
Die Befragung wurde vom 10. bis 12. Juni 2026 von YouGov Deutschland GmbH im Auftrag von Doctolib durchgeführt. Befragt wurden 1.028 Personen ab 18 Jahren. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 18 Jahren. Quotierungsmerkmale waren Alter, Geschlecht und Region.