Interview | René Rheimann, Co-Gründer und CEO von Get2Germany
René Rheimann hat sich nach dem Medizinstudium gegen den Weg in die Klinik und für die Gründung eines eigenen Unternehmens entschlossen. Mit Get2Germany begleiten sein Team und er Gesundheitsfachkräfte aus dem Ausland durch den Anerkennungsprozess in Deutschland. Wir haben mit ihm über die Motivation für die Gründung, die Arbeit und Zukunft bei Get2Germany sowie Berlin als Standort gesprochen.

Sie haben Get2Germany gegründet, um internationale Gesundheitsfachkräfte durch den Anerkennungsprozess in Deutschland zu begleiten. Gab es einen konkreten Moment oder eine persönliche Erfahrung, die den Ausschlag für die Gründung gegeben hat?
Es war weniger ein einzelner Moment als eine Verkettung von Begegnungen. Die Lust auf eigene Projekte habe ich schon während meiner Doktorarbeit entdeckt – dafür bin ich meiner Doktormutter noch heute dankbar. Im letzten Studienjahr, mitten in der Corona-Zeit, habe ich dann ein Berliner Impfzentrum mitgeleitet und dort sehr viele internationale Ärztinnen und Ärzte kennengelernt. Über sie bin ich erstmals mit dem Approbationsverfahren in Berührung gekommen und war überrascht: Ich wusste bis dahin nicht, wie kompliziert die berufliche Anerkennung ist – und dass sie in jedem Bundesland anders abläuft.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Kollege aus Russland, mit dem ich im Praktischen Jahr zusammengearbeitet habe. Ein ausgesprochen kompetenter Arzt, der exzellent Deutsch sprach – und der trotzdem schon sehr lange in diesem Verfahren steckte und davon maßlos überfordert war. Da wurde mir klar: Hier blockiert ein Problem für sehr viele Fachkräfte den Berufseinstieg. Also habe ich mich nach dem Studium entschieden, nicht in die Klinik zu gehen, sondern dieses Projekt aufzubauen.
Warum war die Hauptstadtregion für die Gründung Ihres Unternehmens der richtige Ort und welche Vorteile bietet das Berliner Gesundheits- und Start-up-Ökosystem für Ihr Wachstum?
Berlin war ausschlaggebend: Ich kam aus dem Medizinstudium, in dem Unternehmertum nicht vorkam. Ich hatte keine Ahnung, wie man ein Unternehmen gründet. Ein Türöffner war dann das Programm Science & Startups, das die großen Berliner Universitäten – FU, TU und HU – gemeinsam mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin genau dafür anbieten. Ich bin damals mit einem Kommilitonen einfach in eine Gründungsberatung der Freien Universität gegangen. Wir haben viel Zustimmung bekommen, aber auch klare Anforderungen, insbesondere beim Innovationsgrad. Wir haben das Konzept geschärft, Verstärkung ins Team geholt und zu dritt vor der Jury des Berliner Start-up-Stipendiums gepitcht – mit Erfolg.
Das Stipendium bot die Möglichkeit uns selbst und weitere Mitgründer zu finanzieren, dazu Seminare, Workshops und ein Büro in der Startup-Villa der FU. Themen wie Geschäftsmodell und Finanzplanung mussten wir erst von Grund auf lernen. Beim nächsten Schritt – Förderungen und Investoren – waren dann Berlin Partner und das Cluster HealthCapital entscheidend, konkret beim Bundesprogramm IGP und beim Berliner Gründungsbonus. Diese Dichte an Angeboten findet man kaum irgendwo sonst.

Get2Germany setzt auf digitale Begleitung in einem stark regulierten Umfeld. Wie gelingt es, die sehr individuellen Herausforderungen und Bedürfnisse der internationalen Fachkräfte zu adressieren, und wer kann neben den Ärztinnen und Ärzten noch von Ihrer Plattform profitieren?
Regulierung und Föderalismus sind der Kern des Problems: Das Verfahren läuft in jedem Bundesland anders ab und verändert sich ständig. Wir gehen das über zwei Wege an. Erstens technologisch: Mit KI erfassen und strukturieren wir sehr große, dynamische Informationsmengen – neue Gesetze, geänderte Verfahren, Besonderheiten einzelner Bundesländer – so, dass sie für die einzelne Fachkraft tatsächlich nutzbar werden. Zweitens durch Erfahrung: Wir haben inzwischen über 4.000 Ärztinnen und Ärzte begleitet und lernen aus jeder dieser Begleitungen, wie sich die Anforderungen je nach Herkunftsland und Zielbundesland konkret unterscheiden. Unser CTO Pasha Alidadi überführt dieses Wissen in die Plattform – so wird individuelle Begleitung skalierbar.
Profitieren können aber nicht nur die Fachkräfte selbst: Immer häufiger kommen Kliniken und Regionen auf uns zu, die den Fachkräftemangel unmittelbar spüren. Ihnen bieten wir eine Anerkennungspartnerschaft an: Der Arbeitgeber finanziert Qualifizierung und Begleitung, im Gegenzug bindet sich die Fachkraft für eine vereinbarte Zeit an ihn. Dasselbe Modell bieten wir unterversorgten Regionen an: Sie können selbst (oft in Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern) eine Anerkennungspartnerschaft übernehmen.
Wenn Sie zwei bis drei Jahre in die Zukunft blicken: Wie sehen für Sie die idealen Entwicklungen für Get2Germany einerseits und ein erfolgreicher Anerkennungsprozess andererseits aus?
Unsere Vision ist klar: Get2Germany soll der Standardpartner sein – und zwar auf beiden Seiten. Für internationale Fachkräfte, die in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten wollen und dafür durch ein Anerkennungsverfahren müssen. Und für Regionen und Arbeitgeber, die eine Anerkennungspartnerschaft übernehmen und die Qualifizierung ihrer künftigen Fachkräfte finanzieren. Konkret heißt das: In zwei bis drei Jahren begleiten wir Tausende Fachkräfte – gemeinsam mit Arbeitgebern und Regionen. Das ist der entscheidende Unterschied zu heute. Wir betreuen aktuell über 4.000 Gesundheitsfachkräfte, aber viele von ihnen können sich eine intensive Begleitung selbst nicht leisten. Arbeitgeber und Kliniken investieren sowohl in die Bindung der Fachkräfte als auch in deren Anerkennung und sprachlich-kulturelle Qualifikation. Für 2027 planen wir eine Seed-Finanzierungsrunde.
Ein erfolgreicher Anerkennungsprozess ist für mich vor allem planbar: Die Fachkraft weiß von Tag eins, welche Schritte in welchem Bundesland auf sie zukommen, wie lange das dauert und was es kostet. Am Ende kommt sie dort an, wo sie gebraucht wird.
Welchen Rat würden Sie Gründerinnen und Gründern geben, die ein Unternehmen an der Schnittstelle von Gesundheit, Verwaltung und Digitalisierung aufbauen möchten?
Man sollte sich bewusst machen, worauf man sich einlässt. Wir arbeiten an einem Thema, an dem viele scheitern, insbesondere die Fachkräfte selbst. Es ist zäh, hochbürokratisch, es verändert sich ständig, und in den Behörden bewegen sich die Dinge langsam. Ehrlich gesagt: Die Arbeit drumherum macht oft mehr Spaß als das Thema selbst. Wer das romantisiert, wird schnell frustriert sein.
Belohnt wird man an einer anderen Stelle, nämlich bei den Menschen. Wenn man jemanden durch so ein Verfahren begleitet hat und dann die Dankbarkeit dieser Person erlebt, trägt das sehr weit. Man muss also bereit sein, die trockene Arbeit für die Menschen dahinter zu machen.
Der zweite praktische Rat: Nehmt die Angebote an, die es gibt. Bewerbt euch auf Programme, geht auf die Wirtschaftsförderung zu, und wenn ihr aus der Universität kommt, nutzt unbedingt deren Gründungsservices. Auch ich hatte am Anfang keine Ahnung von Geschäftsmodellen oder Finanzplänen, aber glücklicherweise wurde mir sehr dabei geholfen.
Weiterführende Links:
Zur Person
René Rheimann, 31, ist Arzt und Geschäftsführer von Get2Germany. 2016 zog er aus Nordrhein-Westfalen zum Medizinstudium an der Charité nach Berlin und schloss dieses 2022 ab. Zwei Jahre promovierte er im Bereich Neurologie und Hämatoonkologie. Im selben Jahr erfolgte dann auch die Gründung von Get2Germany.