Freizeit statt Performance? Warum die Debatte um Work-Life- Balance an der Arbeitsrealität vorbeigeht
Zum Welttag der psychischen Gesundheit am 10. Oktober geht der jährliche DearEmployee Workplace Insights Report live und zeigt auf Basis von mehr als 30.000 Befragungen aus den Jahren 2024 und 2025: Die Arbeitslast ist unverändert hoch, doch zeitliche Flexibilität und Abgrenzung haben sich 2025 deutlich verschlechtert.
„Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten, und deswegen müssen wir mehr arbeiten“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz im Januar vor der IHK Halle-Dessau. Seitdem wird die Debatte zugespitzt als Konflikt geführt: mehr Arbeitsleistung für die Wettbewerbsfähigkeit oder mehr Zeitsouveränität für Gesundheit, Familie und Bindung an den Arbeitgeber. Die Daten des DearEmployee Workplace Insights Reports 2026 zeigen: Das Bild von Beschäftigten, die weniger leisten wollen, greift zu kurz.

Die psychische Gesundheit der Beschäftigten in Deutschland ist auf dem schlechtesten Stand seit Beginn der Erhebung 2019: 16 Prozent berichten eine stark eingeschränkte mentale Gesundheit, nach stabil 13 bis 14 Prozent in den sechs Jahren zuvor, zuletzt 13 Prozent im Jahr 2024. Das zeigt die neue Auswertung der DearEmployee Workplace Insights.
Dass mehr Beschäftigte eine geringe mentale Gesundheit angeben, deckt sich mit den Krankenkassen- Daten der DAK: Die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen stiegen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 um neun Prozent. Sie waren erstmals die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Fehlzeiten (DAK Gesundheitsreport 2026).
Die Arbeitslast der Beschäftigten bleibt 2025 unverändert auf einem sehr hohen Niveau: Den Zeitdruck bei der Arbeit bewerten 2025 wie im Vorjahr fast die Hälfte aller Beschäftigten negativ bis sehr negativ (48 % der Beschäftigten; 2024: ebenfalls 48 %), die Überstunden etwa ein Drittel aller Beschäftigten (2025: 32 %; 2024: 33 %).

Verschlechtert hat sich dagegen genau das, worum die Debatte kreist, die Zeitsouveränität: Der Anteil der Beschäftigten, die ihre zeitliche Flexibilität negativ bewerten, stieg 2025 gegenüber 2024 um 8 Prozentpunkte auf 24 Prozent (2024: 16 %), bei der ständigen Erreichbarkeit von 35 Prozent (2024) um 7 Prozentpunkte auf 42 Prozent im Jahr 2025. Leicht gestiegen ist auch der Anteil, der die eigene Work-Life- Balance negativ bewertet: von 19 Prozent im Jahr 2024 auf 22 Prozent im Jahr 2025.
Die Gegenüberstellung „Freizeit oder Leistung“ geht damit an der Arbeitsrealität vorbei. Die Beschäftigten tragen eine unverändert hohe Arbeitslast. Doch eine wichtige Ressource, nämlich der Spielraum, die Arbeit selbst einzuteilen und sich abzugrenzen, schrumpft. Wer mehr Arbeitsleistung will, muss deshalb bei der Arbeitsgestaltung ansetzen, damit Beschäftigte nicht krankheitsbedingt aus der Erwerbstätigkeit ausscheiden.

„Die Debatte unterstellt, dass Beschäftigte weniger leisten wollen. Die Daten zeigen das Gegenteil: Nur 2,7 Prozent berichten eine geringe Motivation. Die Arbeitslast ist unverändert hoch, verloren gegangen ist die Kontrolle über die eigene Zeit. Wer mehr Leistung will, muss Arbeit so gestalten, dass Menschen sie dauerhaft gesund leisten können“, sagt Dr. Amelie Wiedemann, Co-CEO von DearEmployee.
Für Unternehmen heißt das: Ein Teil des Anstiegs liegt in ihrer Hand, denn Arbeitszeitgestaltung, Erreichbarkeitsregeln und Handlungsspielraum lassen sich gestalten. Nach § 5 Arbeitsschutzgesetz müssen Arbeitgeber auch psychische Belastungen beurteilen und daraus Maßnahmen für eine gesunde Arbeitsgestaltung ableiten.
Über die Erhebung
Die „DearEmployee Workplace Insights“ basieren auf dem validierten DearEmployee Survey und umfassen seit 2019 Daten von 91.580 Beschäftigten aus 398 Organisationen. Verglichen werden hier 2025 (13.317 Beschäftigte aus 79 Organisationen) und 2024 (17.349 Beschäftigte aus 89 Organisationen). Der Survey ist eine Mitarbeiterbefragung zu 46 Arbeitsbedingungen. Er wird überwiegend im Rahmen der gesetzlichen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung und ausschließlich in Unternehmen mit Sitz in Deutschland eingesetzt.
Prozentangaben zu Arbeitsbedingungen bezeichnen den Anteil der Beschäftigten, die die jeweilige Arbeitsbedingung negativ oder sehr negativ bewerten.
Die Daten sind nicht im strengen Sinne repräsentativ, die Größe des Datensatzes erlaubt aber belastbare Vergleiche. Alle aggregierten Ergebnisse sind unter data.dearemployee.de öffentlich einsehbar und dort nach Branche, Alter, Geschlecht, Führungsebene und Jahr filterbar.
Über DearEmployee
Die DearEmployee GmbH macht psychische Belastung am Arbeitsplatz messbar und gestaltbar. Kern ist der DearEmployee Survey, ein gemeinsam mit der Freien Universität Berlin validiertes Befragungsinstrument. Organisationen erfüllen damit die gesetzlich vorgeschriebene Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung und erhalten zugleich konkrete Ansatzpunkte für gesündere Arbeitsbedingungen. Über 800 Organisationen aller Branchen und des öffentlichen Dienstes haben bislang mit DearEmployee gearbeitet. Das Unternehmen wurde 2017 gegründet und hat Standorte in Berlin, Konstanz und Warschau.
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Quelle: Zitat Friedrich Merz: Rede des Bundeskanzlers bei der IHK Halle-Dessau, 14. Januar 2026
Quelle: DAK Gesundheitsreport, „Krankenstand im ersten Halbjahr 2026 leicht gesunken“, 20. Juli 2026
Pressekontakt
Dr. Amelie Wiedemann, Co-Founder & Co-CEO, DearEmployee GmbH
amelie.wiedemann@dearemployee.de · Betreff „Workplace Insights“ · Telefon 0162 206 3900
Dashboard: data.dearemployee.de