Charité eröffnet neues HIV-Heilungsforschungszentrum

Berlin Center for HIV Cure vereint interdisziplinäre Expertise zu HIV und bietet Zugang zu modernen Therapiestudien

 

Weltweit leben rund 41 Millionen Menschen mit HIV, sie alle sind auf eine lebenslange Therapie angewiesen – zumindest bisher. Eine HIV-Infektion von einer behandelbaren zu einer heilbaren Erkrankung zu machen, ist das Ziel des neuen Berlin Center for HIV Cure (BeCURE) der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Es wurde heute in Anwesenheit der Berliner Wissenschaftssenatorin und Aufsichtsratsvorsitzenden der Charité, Dr. Ina Czyborra, und Thomas Kahlert feierlich eröffnet. Er ist der bisher anonym bezeichnete „Zweite Berliner Patient“, also der zweite an der Charité von HIV geheilte Mensch. Heute jährt sich die Stammzelltransplantation, die zu seiner Heilung führte, zum elften Mal. 

Eine HIV-Infektion lässt sich heutzutage gut behandeln, Betroffene können mit einer modernen Therapie ein weitgehend normales Leben führen und geben das Virus nicht mehr weiter. Es versteckt sich allerdings zeitlebens in den Immunzellen des Körpers und bricht aus, sobald die Therapie abgesetzt wird – mit tödlichen Folgen, wenn nicht eingegriffen wird. Außerdem haben Betroffene selbst bei guter therapeutischer Begleitung ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen und sind noch immer häufig einer Stigmatisierung ausgesetzt.

„Wir wollen die Perspektive für Menschen, die mit HIV leben, grundlegend verbessern“, sagt Prof. Christian Gaebler. Er erforscht das Virus mit seinen Arbeitsgruppen an der Klinik für Infektiologie und Intensivmedizin sowie dem Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und leitet das neue Zentrum. „Unser Ziel im BeCURE ist es, eine HIV-Heilung oder eine dauerhafte Remission zu echten Behandlungsoptionen zu machen.“ Eine Remission bezeichnet einen Zustand, in dem der Körper das Virus ohne medikamentöse Unterstützung in Schach hält. Im Gegensatz zu einer Heilung, bei der das Virus komplett aus dem Körper entfernt wird, ist es bei einer Remission noch nachweisbar.

Forschungsfeld zur HIV-Heilung an Charité begründet und nun ausgebaut

Dass sich eine HIV-Infektion heilen lässt, hat die Charité schon 2008 gezeigt. Bei einer Stammzelltransplantation gegen Leukämie war es gelungen, Timothy Ray Brown von seiner zusätzlich bestehenden HIV-Infektion zu befreien. Er ging als weltweit erster von HIV geheilter Mensch in die Medizingeschichte ein, zunächst als sogenannter Berliner Patient, und begründete das Forschungsfeld zur HIV-Heilung. 2024 dann stellte die Charité den Zweiten Berliner Patienten vor, einen weiteren HIV-Heilungsfall an der Berliner Universitätsmedizin. 

„Weltweit gelten bisher nur 13 Menschen als von HIV geheilt“, betont Prof. Joachim Spranger, Dekan der Charité. „Dass dieser außergewöhnliche Erfolg gleich zweimal an der Charité gelungen ist, unterstreicht die besondere Expertise an unserem Haus, aber auch den Willen, dieses wichtige Forschungsfeld voranzubringen. Mit dem BeCURE wollen wir unser Engagement in diesem Bereich weiter ausbauen und verfolgen das explizite Ziel, Menschen mit HIV oder anderen chronischen Virusinfektionen in Zukunft ein gesundes Leben ohne Medikamente zu ermöglichen.“

Ina Czyborra, Berliner Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Charité, sagt: „Vor fast zwanzig Jahren wurde an der Charité zum ersten Mal ein Mensch von HIV geheilt. Dies zeigt eindrucksvoll, was Medizin leisten kann, wenn sie direkt bei Patientinnen und Patienten ankommt. Das damit begründete neue Forschungsfeld erhält nun mit BeCURE ein dauerhaftes Zuhause. Hier geschieht exzellente Forschung für die Menschen und mit diesem Anspruch entwickeln wir Berlin zum weltweit führenden Gesundheitsforschungsstandort.“

Von den HIV-Heilungen lernen

Bei den bisherigen 13 HIV-Heilungsfällen war der Erfolg auf eine Stammzelltransplantation zurückzuführen, bei der das von HIV befallene Immunsystem durch das eines Spenders oder einer Spenderin ausgetauscht wird. Der Eingriff ist mit großen Risiken verbunden und wird nur bei lebensbedrohlichen Erkrankungen – wie einer Leukämie – eingesetzt. „Wir wollen Wege finden, das Virus ohne eine riskante Stammzelltransplantation aus dem Körper zu entfernen oder dauerhaft in Schach zu halten, damit sich der Heilungsansatz für möglichst viele Betroffene eignet“, betont BeCURE-Direktor Christian Gaebler.

Dafür nutzen die Forschenden das Wissen, das sie bei den erfolgreichen HIV-Heilungen sammeln konnten – insbesondere beim Zweiten Berliner Patienten Thomas Kahlert. Sein Fall hat bewiesen, dass das transplantierte Immunsystem – den bisherigen Annahmen zum Trotz – nicht HIV-resistent sein muss, um eine Heilung zu ermöglichen. „Unsere Analysen deuten darauf hin, dass das neue Immunsystem bei Thomas Kahlert selbst die Virus-Verstecke beseitigt hat“, erklärt Christian Gaebler. „Eine wichtige Rolle spielten offenbar Antikörper, die HIV-infizierte Zellen markieren, damit die Killerzellen des Immunsystems sie zerstören.“ 

Im Fokus: Antikörper- und Immuntherapien, Gen- und Zelltherapien

Mechanismen wie diese will das BeCURE-Team gezielt nutzen. Im Zentrum der Forschungsarbeiten stehen moderne Antikörper-, Immun-, Zell- und Gentherapien, die das Virus beseitigen oder unter Kontrolle halten sollen; erste Antikörperstudien sind bereits gestartet. Weil die Erkenntnisse aus der HIV-Heilungsforschung auch für andere chronische Viruserkrankungen relevant sind, wird das Team zusätzlich Hepatitis B in den Blick nehmen. Mit dieser Virusinfektion leben weltweit rund 240 Millionen Menschen. 

Das neue Zentrum verbindet Grundlagenforschung mit klinischen Studien und vereint die interdisziplinäre Expertise aus den Fachbereichen Infektiologie, Virologie, Immunologie, Hämatologie, Geburtsmedizin und Hepatologie der Charité. Die Aktivitäten werden sozialwissenschaftlich begleitet, besonders wichtig ist dem Team aber auch die Einbeziehung der Betroffenen. „Wir haben ein Community Collaboration Board eingerichtet, über das Menschen, die mit HIV leben oder deren Bedürfnisse kennen, die Forschung mitgestalten“, betont Christian Gaebler. „Außerdem wollen wir ein Anlaufpunkt sein für Betroffene aus Berlin und Umgebung, die bei uns Zugang zu klinischen Studien mit neuen Therapien erhalten.“

Sitz des Zentrums ist der Forschungsbau „Der Simulierte Mensch" (Si-M) auf dem Charité Campus Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding. Dort befindet sich auch das Studienzentrum des BeCURE, in dem die klinischen Studien durchgeführt werden. Zu Ehren der beiden Berliner Patienten, die das Forschungsfeld stark geprägt haben, wurde es im Zuge der heutigen BeCURE-Eröffnung als „Brown-Kahlert-Studienzentrum“ eingeweiht.

 

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Markus Heggen
Leiter Geschäftsbereich Medien & Politik | Unternehmenssprecher
Charité – Universitätsmedizin Berlin
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