Schwerpunktthema: Frauen in der Gesundheitswirtschaft

Die gläserne Decke in der Gesundheitswirtschaft der Hauptstadtregion wird dünner. Immer mehr Frauen finden ihren Weg in Führungspositionen. Um die trotzdem noch bestehenden Ungleichheiten weiter abzubauen, unterstützen Akteure der Gesundheitswirtschaft Frauen in der Metropolregion Berlin-Brandenburg mit Netzwerken, Mentoring-Programmen und verringertem Gender-Pay-Gap.

Die Gesundheitswirtschaft ist überwiegend weiblich. Dies gilt jedoch (noch) nicht für deren Führungsetagen. Denn auch wenn laut einer Studie des Beratungsunternehmens PwC mehr als 75 Prozent aller Beschäftigen in der Branche weiblich sind, so sieht es bei leitenden Positionen deutlich anders aus: In den Führungsetagen ist mit 29 Prozent weniger als jede dritte Stelle mit einer Frau besetzt, im Topmanagement wird nur jede sechste Stelle durch eine Frau (17 Prozent) besetzt.

Etwas anders sind die Verhältnisse laut einer Studie des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) in der Pharmaindustrie – dort liegt der Frauenanteil auf der mittleren Führungsebene bei 55 Prozent. Auch der Gender-Pay-Gap fällt in der Pharmaindustrie im Vergleich zum Bundesdurchschnitt aller Berufe etwas kleiner aus: Statt 14,5 Prozent, verdienen die Frauen hier im Schnitt 12 Prozent weniger als die männlichen Kollegen.

Unterstützung für Frauen in der Hauptstadtregion

In der Metropolregion Berlin-Brandenburg finden Frauen in der Gesundheitswirtschaft mittlerweile mehrere Initiativen, Netzwerke und Ansprechpartner aus der Wirtschaft und Wissenschaft, deren Ziel es ist, Frauen zu unterstützen, zu vernetzen, zu ermutigen und den Gender-Pay-Gap zu schließen. „Es gibt noch viel zu tun“, findet auch die diesjährige Preisträgerin des Berliner Frauenpreises Professorin Dr. Mandy Mangler. Der Preis wird seit 1987 auf Vorschlag von Bürgerinnen und Bürgern an Frauen für ihr zukunftsweisendes Engagement verliehen. Zwar ist der Preis branchenunabhängig doch auf der Liste sind immer wieder Frauen aus der Gesundheitswirtschaft – so wie Mandy Mangler, die sowohl der Gynäkologie und Geburtsmedizin im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum als auch der Gynäkologie in Neukölln als Chefärztin vorsteht.

„Im Alltag scheitert man an der quantitativen Mehrheit der Männer beziehungsweise der Menschen, die Familie nicht mitdenken. Gegen die muss man sich immer wieder behaupten. Das ist relativ anstrengend“, sagt Mangler. Hilfreich sei beispielweise, wenn ein Unternehmen familienfreundlich zertifiziert sei. „Damit sind gewisse Auflagen verbunden, die die Situation für arbeitende Frauen und Familien verbessern.“

In Berlin finden Frauen laut Mangler auch Unterstützung beim Deutschen Ärztinnenbund, dem Berufsverband sowie durch das Engagement von einzelnen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Auch die Ärztekammer in Berlin führe Veranstaltungen durch. Zudem gibt es Mandy Mangler zufolge mehrere Chefärztinnen-Netzwerke – sowohl innerhalb von Klinikkonzernen, Fachgesellschaften oder Berufsverbänden als auch außerhalb fester Strukturen.

Bei Manglers Arbeitgeber – dem Krankenhausbetreiber Vivantes – liegt der Frauenanteil in Führungspositionen mittlerweile recht deutlich über dem Bundesdurchschnitt: Die Frauenquote in den Chefarztpositionen ist von 14,9 Prozent im Jahr 2017 auf 24,9 Prozent im Jahr 2021 angestiegen. „Die Quote der Pflegedirektorinnen konnten wir im gleichen Zeitraum gar von rund 33 auf rund 66 Prozent steigern“, erklärt Vivantes-Sprecher Christoph Lang. Die Quotensteigerung ist ein Ergebnis des Vivantes-Frauenförderplans im Zuge dessen auch ein Mentoring-Programm für Ärztinnen ins Leben gerufen wurde. „Gut vernetzte Chefärztinnen beraten und begleiten ihre jungen Kolleginnen als Mentorinnen auf deren Karriereweg. Sie stehen bei Fragen und Problemen zur Seite und teilen ihre Erfahrungen. In Workshops und Seminaren werden Ziele identifiziert und Kompetenzen für die Führungsposition vermittelt“, beschreibt Lang das Programm, das sich an Ober, Fach-, oder Assistenzärztinnen richtet, die ihre Probezeit abgeschlossen haben und bis zum Ende des Programms im Unternehmen sind.

Ein Beispiel aus der Gesundheitswirtschaft in Berlin, das sich aktiv für die Gleichstellung engagiert, ist der Hersteller von Hightech-Labormessgeräten, Knauer. Der Gender-Pay-Gap liegt dort laut Unternehmen nur noch bei 2,2, Prozent. Seit drei Jahren lässt die Geschäftsführerin Alexandra Knauer die geschlechtsspezifische Lohnlücke jährlich für ihr Unternehmen durch ihre Personalabteilung berechnen – mit stets etwas kleinerem Ergebnis.

Auf ähnliche Weise engagiert sich das biopharmazeutische Unternehmen Takeda an seinen Standorten in der Metropolregion für Frauen im eigenen Unternehmen. Mit dem Programm „Frauen in Führung“ werden dort Frauen dauerhaft gefördert. Mehr dazu können Sie in unserem Portrait von Takeda lesen.

Frauen sichtbarer machen und geschlechterspezifische Fragen angehen

Unternehmensunabhängig ist das Netzwerk #SheHealth, dass sich an Frauen in der digitalen Medizin richtet. Ins Leben gerufen hat das Netzwerk im Jahr 2016 die Berliner Professorin Dr. Sylvia Thun gemeinsam mit der Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, Dr. Christiane Groß. Mehr als 430 Expertinnen aus dem Bereich Digital Health sind mittlerweile dem Netzwerk beigetreten: Ingenieurinnen, Journalistinnen, Pflegekräfte, IT-Profis, Unternehmerinnen, Wissenschaftlerinnen, Studentinnen der Medizininformatik und Health Data Scientists. Zu den Zielen der Initiative zählen neben der Sichtbarmachung von Frauen in digitalen Gesundheitsberufen auch die Schärfung des Bewusstseins für geschlechterspezifische Fragen und die Entwicklung von gendergerechten Fortschritten. Neben der Durchführung von Veranstaltungen und Workshops hat Sylvia Thun, die Direktorin für eHealth und Interoperabilität am BIH Berlin Institute of Health ist, auch ein Buch mit dem Titel „Frauen in der digitalen Zukunft der Medizin und Gesundheitswirtschaft“ geschrieben. Das Kompendium trägt viele weibliche Sichtweisen zusammen – etwa die von jungen Müttern.

Vertretung von Frauen in Führungspositionen

Zahlreiche Frauen in leitenden Positionen in der Biotechnologie wiederum sind in dem „Business-Netzwerk für Managerinnen in den Life Sciences“ organisiert. Das Netzwerk wurde 2002 unter dem Dach der Vereinigung Deutscher Biotechnologie-Unternehmen (VBU) gegründet. Im Netzwerk werden Businesskontakte hergestellt und persönliche Erfahrungen als Führungskräfte mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund ausgetauscht. Es finden mehrere Treffen im Jahr statt - das informelle Networking steht dabei im Vordergrund.

Für mehr weibliches Unternehmertum, mehr Frauen in Führungspositionen und bessere Bedingungen für Frauen in der Wirtschaft setzt sich der Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) ein. Mit Sitz in Berlin verfolgt der VdU diese Themen branchenübergreifend bereits seit 67 Jahren. Neben einem umfangreichen Netzwerk mit über 1.800 Mitgliedern bietet der VdU regionale und bundesweite Veranstaltungen für den Austausch der Frauen an und bringt seit 2013 in dem Gesprächsformat VdU Tea Time regelmäßig hochkarätige Politikerinnen und Unternehmerinnen zu einem Austausch über aktuelle politische Themen zusammen.

Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und ambitionierter Berufstätigkeit hat sich das Netzwerk „Working Moms“ zur Aufgabe gemacht. Der in Frankfurt ansässige Verein bietet Frauen im deutschsprachigen Raum Unterstützung dabei an, trotz Kindern in einer Vollzeitbeschäftigung ihre Karriere zu verfolgen. Mehr dazu erzählt Christiane von der Eltz, Vorständin bei BERLIN-CHEMIE und Gründungsmitglied des Vereins im Interview mit HealthCapital.

Kostenlose Unterstützung für weibliche Gründerinnen bietet auch das Programm Grace der Berliner Agentur Ignore Gravity, das unter anderem von der Bayer Foundation unterstützt wird. Zu den Angeboten des Programms gehören ein Summer Accelerator, ein Scale-Programm für Gründerinnen in der Wachstumsphase, ein Digital-Programm, eine Founder’s Journey mit regelmäßigen Treffen und Workshops sowie ein Programm für nach Deutschland immigrierte Frauen. Bewerben können sich Gründerinnen aus allen Fachrichtungen – zu den Mentorinnen zählen auch Frauen aus der Gesundheitswirtschaft.

Die Unterstützung von Gründerinnen und Gründer im Bereich Gesundheit hat sich auch der Vision Health Pioneers Incubator aus Berlin auf die Fahne geschrieben. Mitbegründerin des Incubators, der Start-ups im Gesundheitsbereich in ihren Anfängen unterstützt, ist Maren Lesche, die sich bereits in anderen Initiativen für mehr Frauen in Tech-Unternehmen eingesetzt hat.

Ein weltweites Netzwerk für Frauen in der Gesundheitsbranche bietet „Women in Global Health“. 2015 gegründet, möchte die NGO Geschlechtergleichheit im Gesundheitssektor erreichen, indem es Netzwerke bildet, für Veränderungen eintritt und von Entscheidungsträgern Zusagen einfordert und deren Einhaltung verfolgt. Einmal im Jahr werden dabei „Heroines of Health“ geehrt. Die große Gala mitsamt Preisverleihung für die besonders engagierten Frauen fand in diesem Jahr im Oktober erstmals in Berlin statt.

 

Weiterführende Links: