Long COVID in Berlin-Brandenburg – Forschung, Netzwerke und Engagement für eine bessere Versorgung

Erstmals aufgekommen ist der Begriff „Long COVID“ in den Sozialen Medien. Zahlreiche Betroffene haben dort über ihre unterschiedlichen, langanhaltenden, gesundheitliche Einschränkungen nach einer SARS-CoV-2-Infektion berichtet. In der Metropolregion Berlin-Brandenburg wurden im Laufe der Corona-Pandemie mehrere Netzwerke und Programme ins Leben gerufen, um Long COVID-Patienten adäquat therapieren zu können und Fachleute aus Praxis und Forschung zu dem Thema zu vernetzen. Auch die jährliche Zukunftswerkstatt Innovative Versorgung des Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg hat sich unter der Überschrift „Länderübergreifende Versorgung von Patienten mit Long und Post COVID“ mit dem Thema befasst.

     

     

    Auf die Frage „Was genau ist Long COVID- und das Post COVID-Syndrom?“ gibt es bislang noch keine eindeutige Antwort. Zu komplex und unterschiedlich sind die gesundheitlichen Symptome und Beschwerden und zu wenig ist bislang über den Auslöser der Langzeitfolgen nach einer SARS-CoV-2-Infektion bekannt. Selbst die Begriffe Long COVID und Post COVID werden häufig unterschiedlich verwendet.

    Versuche einer Definition

    Gemäß den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) wird von Long COVID gesprochen, wenn Beschwerden und Symptome vier Wochen nach der Infektion weiter anhalten oder neu auftreten. Haben Betroffene auch drei Monate nach der Erkrankung noch Symptome, wird vom Post COVID-Syndrom gesprochen. Grundsätzlich ist es immer noch schwer die Krankheit als solche eindeutig zu identifizieren, da ihre Symptome vielfältig und schwer abgrenzbar von anderen Krankheiten sind.

     

    Initiativen und Netzwerke zu Post- und Long COVID

    In der Metropolregion Berlin-Brandenburg haben viele Einrichtungen auf die immer häufiger werdenden Post COVID-Fälle reagiert und bieten Hilfe in unterschiedlicher Form an. Beispielsweise hat das Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) ein Post COVID-Programm initiiert. Entwickelt wurde dieses von den BG-Kliniken, zu denen das ukb gehört. Teil des Programms ist ein medizinisches Maßnahmenpaket für Beschäftigte, die berufsbedingt unter den Folgen einer Corona-Infektion leiden. Zu dem Programm gehört die Beratung und Diagnostik, bis hin zu stationärer Rehabilitation. Zur vielfältigen Therapie zählt neben Training mit einer Virtual-Reality-Brille auch ein Riechtraining und Psychotherapie.

    Einen umfassenden Ansatz verfolgt das „Post-COVID-Netzwerk“ der Charité Universitätsmedizin Berlin. In dem Netzwerk haben sich verschiedene Spezialambulanzen der Charité zusammengeschlossen und es werden Fortbildungen für Ärzte und weiteres medizinisches Personal organisiert sowie Informationen für Ärzte und Patienten bereitgestellt. Ziel ist es, dass Long und Post COVID richtig diagnostiziert werden und die Betroffenen zielgerichtet eine entsprechende Therapie erhalten. „Patientinnen und Patienten mit Post COVID-Syndrom haben eine Vielzahl von Symptomen und individuellen Bedürfnissen, die ein unterschiedliches Ausmaß einer diagnostischen Abklärung und Behandlung erfordern“, begründet die Charité den interdisziplinären Zusammenschluss. Teil des Netzwerks sind unter anderem das Charité Fatigue Centrum, die Kardiologie und die Schmerz- und Palliativmedizin.

    Auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin hat ein Netzwerk für die Diagnostik und Behandlung von Long COVID aufgebaut, das mit dem Post-Covid-Netzwerk der Charité kooperiert. Das „Long-COVID-Netzwerk“ richtet sich vor allem an Expertinnen und Experten sowie Fachärztinnen und -ärzte und will diese über alle Fachdisziplinen vernetzten. Unter anderem wird dabei ein Verzeichnis aufgebaut – derzeit sind bereits 70 Praxen angeschlossen. Im geschützten Mitgliederbereich können sich die Ärztinnen und Ärzte über ihre Erfahrungen austauschen. Daneben werden regelmäßige Online-Treffen zum aktuellen Erkenntnisstand bei Long COVID mit verschiedenen Schwerpunkten wie Long COVID aus pneumologischer Sicht organisiert.

    „DiReNa“ – Online-Anlaufstelle aus Brandenburg

    In Brandenburg wiederum wurde im April das Long COVID-Netzwerk „DiReNa“ unter der Schirmherrschaft des Landesgesundheitsministeriums gegründet – die Abkürzung steht für Diagnostik, Rehabilitation und Nachsorge. „DiReNa“ richtet sich sowohl an Betroffene als auch an Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen. Das Netzwerk bietet als sektorübergreifende Internetplattform die Möglichkeit, sich über die fachärztlichen Angebote im Land Brandenburg einschließlich der zwei Hochschulambulanzen der Medizinischen Hochschule Brandenburg und dem Standort Treuenbrietzen als Schwerpunktambulanz zu informieren.

    Ebenfalls auf der Plattform implementiert ist „Rehaland-Brandenburg“ als Zusammenschluss aller Brandenburger Rehabilitationskliniken, die ein spezialisiertes Therapieangebot für Long bzw. Post COVID Patienten entwickelt haben. Zusätzlich präsentieren sich unter dem Stichpunkt Nachsorge verschiedene therapeutische Bereiche. Ein wesentlicher Aspekt ist die Vernetzung mit den Selbsthilfegruppen im Land sowie deutschlandweit, die ebenfalls auf dieser Plattform präsent sind. Eine enge Kooperation mit dem Post-Covid-Netzwerk der Charité ist integraler Bestandteil von „DiReNa“.

    Auch das Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital widmet sich Post und Long COVID und hatte dazu bereits Anfang dieses Jahres zu einem länderübergreifenden Austausch eingeladen. Dabei wurde von Fachleuten diskutiert, wo die größten Probleme bei der Diagnostik und Behandlung von Long und Post COVID liegen und welche Themen dringend angegangen werden müssen, um eine optimale Versorgung von Post und Long COVID-Patienten in der Region Berlin-Brandenburg zu gewährleisten. Im Ergebnis wurden drei länderübergreifende Arbeitsgruppen gegründet: Arbeitsgruppe 1: Organisation länderübergreifender Fortbildungsangebote zu Long und Post COVID für verschiedene Berufsgruppen, Arbeitsgruppe 2: Schaffung von Strukturen und Ressourcen für die Diagnose und Behandlung von Long COVID, Arbeitsgruppe 3: Rehabilitation und Nachsorge bei Long COVID.

    Zukunftswerkstatt Innovative Versorgung – Post und Long COVID als große Herausforderung

    Ergebnisse aus diesen Arbeitsgruppen bildeten die Grundlage für die diesjährige Zukunftswerkstatt Innovative Versorgung des Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg. Unter der Überschrift „Länderübergreifende Versorgung von Patienten mit Long und Post COVID“ wurde einen Tag lang in Vorträgen und Arbeitsgruppen über das Thema diskutiert, um Thesen zu notwendigen Verbesserungen der Versorgung auszuarbeiten, die an Politik und handelnde Akteure des Gesundheitswesens übergeben sowie auf der Website des Clusters veröffentlicht werden.

    „In der Praxis haben wir viele Patientinnen und Patienten, die durch Post COVID in ihrer Leistungsfähigkeit und Teilhabe am sozialen- und Berufsleben stark eingeschränkt sind. In der Regel sind die Betroffenen jung. Sie wollen arbeiten und aktiv leben und können es durch die Erkrankung nicht“, sagt Dr. Gesine Dörr, Chefärztin am Alexianer St. Josef in Potsdam. Sie stellte auf der Zukunftswerkstatt die Ergebnisse aus den genannten Arbeitsgruppen vor und leitete am Nachmittag die Arbeitsgruppe zum Thema „Fort- und Weiterbildung zu Long- und Post COVID“. „Bisher liegen keine Erkenntnisse zu spezifischen Therapien bei Long/Post COVID vor. Es ist daher dringend nötig Forschung und Studien zu dieser Erkrankung zu fördern und diese Forschung zu vernetzen, um die Weitergabe von Erkenntnissen zu gewährleisten. Gerade die Hausärzte brauchen als erster Ansprechpartner für die Betroffenen Fortbildungsangebote, die niedrigschwellig im Alltag nutzbar sind, sie brauchen Entscheidungshilfen, um die Patienten mit ihrem häufig diffusen Beschwerdebild einordnen zu können und die notwendigen diagnostischen Schritte und therapeutischen Möglichkeiten nach dem aktuellen Wissensstand einzuleiten“, sagt Dörr.

    Beim Austausch zwischen den Akteuren aus der Berliner und Brandenburger Gesundheitswirtschaft brachten viele ihre Erfahrungen sowohl aus der unmittelbaren Patientenbetreuung als auch aus ihrem persönlichen Engagement in den hier beschriebenen Netzwerken ein und wiesen auf Grenzen hin, an die sie immer wieder stoßen. Diese liegen sowohl im Bereich der Finanzierung von Ressourcen als auch in strukturellen Hürden. In der Diskussion wurde deutlich, dass es vielfältige Ideen für mögliche Lösungsansätze gibt, diese waren zum Teil verbunden mit dem Wunsch verstärkt neue Wege in der Versorgung zu gehen. Dabei waren die Ansätze vielfältig – von der besseren Vergütung der „sprechenden Medizin“ über den vermehrten Einsatz von technischen Lösungen wie Telemedizin und Künstlicher Intelligenz (KI) bis hin zu einer noch engeren interprofessionellen und sektorübergreifenden Vernetzung oder der Anpassung von Reha-Programmen an die speziellen Bedürfnisse von Post COVID Patienten mit Fatigue Syndrom.

    In diesem Sinne zeigten sich etwa die Krankenkassen offen dafür nach Wegen zu suchen, die Finanzierung von Projekten und Strukturen schneller zu realisieren als dies sonst der Fall ist. Denn Post- und Long COVID bleibt ein Problem, das sich eher noch in den kommenden Jahren verstärken wird, da sind sich die Expertinnen und Experten einig. Auch das Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg will das Thema weiterhin begleiteten und die Akteure in Berlin-Brandenburg bei ihren Bemühungen unterstützen.

     

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