Portrait: Gyn To Go - Kostenlose Online-Fortbildungen für Gynäkologen

Assistenten in der Weiterbildung zum Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe haben durch zeitliche, personelle oder finanzielle Engpässe im Arbeitsalltag selten die Möglichkeit, Fortbildungen zu besuchen. Daran wollten Dr. Babett Ramsauer vom Vivantes Klinikum Neukölln und ihr niedergelassener Kollege Dr. Thilo Gröning aus Moers etwas ändern, als sie vor sechs Jahren das Projekt Gyn To Go ins Leben riefen. Damit trafen sie einen Nerv: Die Zahl der Zuhörer steigt stetig, die Zielgruppe sind längst nicht mehr nur angehende Fachärzte.

Jeden Mittwochmorgen schalten rund 1.200 angehende Geburtsmediziner ihren Computer ein, um an einem zertifizierten Live-Online-Seminar teilzunehmen. Das Projekt Gyn To Go vermittelt nicht nur, welche Dimensionen Fortbildungen haben können, sondern auch, welche Zusammenarbeit innerhalb der gesamten Medizin zukünftig wünschenswert wäre. 

Weiterbildung für alle erreichbar machen

„Die jungen Kollegen erhalten zunehmend keine qualifizierte Aus- und Fortbildung, weil sie in den Kliniken so eingespannt sind, dass sie nicht mehr auf Kongresse fahren können. Außerdem sind diese zum Teil sehr teuer. Wir wollten eine hohe Qualität der Weiterbildung wieder für alle erreichbar machen“, erklärt Dr. Babett Ramsauer, leitende Oberärztin am Vivantes Klinikum Neukölln, warum sie Gyn To Go mit ihrem Kollegen Dr. Thilo Gröning gestartet hat. Eine webbasierte Fortbildung sei die ideale Plattform dafür, da lediglich ein Internetzugang notwendig ist.

Die Fortbildung organisieren die beiden ehrenamtlich. Sie verzichten bewusst auf Teilnahmegebühren und Sponsoren, um unabhängig zu bleiben und allen den Zugang zur Information zu ermöglichen. Für Ramsauer ist das Projekt aus zwei Gründen wichtig: Zum einen fürchtet sie, dass die medizinische Qualifikation der Ärzte immer schlechter wird – was auf Dauer für das gesamte Gesundheitssystem ein großes Problem bedeuten würde. Zum anderen trägt es zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei. Denn trotz Elternzeit kann man an den Fortbildungen teilnehmen – etwa am Abendkurs um 20 Uhr, wenn die Kinder im Bett sind. 

Zahl der Zuhörer steigt stetig

Bereits vor dem Start der ersten Veranstaltung im Jahr 2010 waren die zunächst 100 geplanten Lizenzen aufgebraucht und mussten auf 1000 erweitert werden. „Wir haben pro Veranstaltungstag am Morgen häufig 300 Kliniken mit fünf bis zehn Zuhörern. Am Abend sind nochmal bis zu 600 Einzelhörer zugeschaltet. Die Zahl steigt stetig“, erzählt Ramsauer. Die ursprüngliche Zielgruppe von Assistenzärzten in der Facharztausbildung habe sich inzwischen auf Fachärzte, Oberärzte, Chefärzte, Schwestern, Hebammen und Studenten erweitert. 

Über das Jahr verteilt gibt es einmal im Monat je einen 45-minütigen Vortrag plus Diskussionszeit über Gynäkologie, Geburtshilfe und Endokrinologie. Zusätzlich bieten Ramsauer und Gröning einen Vertiefungskurs für ein Spezialthema an bis zu fünf Wochenenden im Jahr an. Die Vorträge werden live über ein Webinar gehalten, die Teilnehmer können die Referenten direkt zum Thema befragen – etwa zum Zika-Virus, onkologische Therapie oder Hormontherapie im Klimakterium. Ramsauer und Gröning machen bei jeder Session die Moderation. 

Lernen an jedem Ort der Welt

Teilnehmen kann im Grunde jeder, der einen Internetzugang hat. „Wir haben keine Hürde eingebaut. Es ist lediglich eine einmalige Registrierung auf unserer Internetseite notwendig. Dann erhalten die Teilnehmer einen Link, über den sie sich am Veranstaltungstag in das System einschalten“, erklärt Ramsauer. Die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche und speziell in der Vermittlung von Wissen sieht sie als entscheidenden Vorteil, um trotz Zeitnot noch eine große Gruppe von Interessierten erreichen. Schon häufig seien Vorträge auch aus dem Ausland gehalten worden.

Die Plattform soll nun auf andere Fachbereiche der Medizin erweitert werden. Ein erster Schritt ist geschafft: Im Januar 2017 wird die Notfallmedizin ans Netz gehen – Now To Go (Notfallmedizin und Wissen) ist somit der erste kleine Bruder von Gyn To Go. „Auf Dauer würden wir gerne unser Konzept in die Weiterbildungsordnung zum Facharzt implementieren“, sagt Ramsauer. Erste Gespräche mit der Ärztekammer, welche die Kurse von Beginn an mit Fortbildungspunkten zertifiziert hat, habe es bereits gegeben. 

Viel Anerkennung und ein wertvolles Netzwerk

Für ihr ehrenamtliches Engagement wurden die beiden Initiatoren nun mit dem VLK Zukunftspreis vom Verband der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands e.V. ausgezeichnet. „Gyn To Go kommt ohne Paragraphen aus, ohne die Idee der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung oder die Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung – es funktioniert einfach nur!“, lobte VLK-Präsident Professor Dr. Hans-Fred Weiser in seiner Laudatio bei der Preisverleihung. 

Dass eine gute Idee solch einen Erfolg hat und die investierte Arbeit so viel Anerkennung findet, bereitet Dr. Babett Ramsauer bis heute Freude. „Einige Teilnehmer haben uns sogar rückgemeldet, dass sie nicht wüssten, ob sie ohne Gyn To Go ihre Facharztreife so ohne Weiteres erreicht hätten“, erzählt sie. Außerdem baue man ein unendlich wertvolles Netzwerk zu vielen Kollegen auf. „Durch die Anfragen an die potenziellen Vortragenden, die Moderation und auch die wöchentliche Teilnahme an den Vorträgen bleiben wir ganz dicht an der aktuellen Entwicklung in unserem Fachgebiet und wissen, wer gerade der Spezialist für welches Thema ist.“