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Interview: Prof. Reinhard Busse, BerlinHECOR

Reinhard Busse (49) ist Professor für Management im Gesundheitswesen an der Fakultät Wirtschaft und Management der TU Berlin. Der promovierte Mediziner ist Fakultätsmitglied der Charité - Universitätsmedizin Berlin sowie Associate Director for Research Policy des European Observatory on Health Systems and Policies in Brüssel. Prof. Busse erforscht schwerpunktmäßig Gesundheitssysteme, insbesondere im europäischen Vergleich und hinsichtlich des Spannungsfelds zwischen Markt und Regulation. Jüngst hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) dem von Prof. Busse geleiteten „Gesundheitsökonomischen Zentrum Berlin HECOR“ als einem von vier Zentren in Deutschland eine Förderung von 2,2 Mio. Euro zugesprochen.

 

Herr Prof. Busse, das Fachgebiet „Public Health“ ist in Deutschland noch relativ jung – Sie selbst gelten hier als einer der Pioniere der Erforschung und Bewertung von Gesundheitssystemen. Ihr „Berlin Centre for Health Economics Research“ - oder kurz BerlinHECOR - ist auf Gesundheitsökonomie spezialisiert. Beschreiben Sie uns doch einmal kurz, was das genau heißt und womit sich Ihr Zentrum im Detail beschäftigt. Welche Forschungslinien verfolgen Sie? Wie gliedert sich Ihr Zentrum in die Fach- und Forschungsbereiche der TU ein?

     Ganz jung ist Public Health ja mittlerweile auch nicht mehr, gibt es doch die entsprechenden Studiengänge seit fast 25 Jahren. Der Begriff ist aber etwas aus der Mode gekommen und wird mittlerweile von der Epidemiologie („wie sind Krankheiten und ihre Ursachen in der Bevölkerung verteilt?“), der Versorgungsforschung („ob und für welche Personen trägt die gesundheitliche Versorgung tatsächlich zur Verminderung der Krankheitslast bei?“) und vom Management im Gesundheitswesen („wie kann dies möglichst effektiv gesteuert und organisiert werden?“) überlagert. Quer zu diesen Bereichen liegt die Gesundheitsökonomie, die alle diese Fragestellungen unter Berücksichtigung endlicher Ressourcen und ihren bestmöglichen und gerechten Nutzung betrachtet. BerlinHECOR nutzt diese Blickwinkel und trägt damit wesentlich zur Profilierung der TU bei, für die „Human Health“ einer von sechs Anwendungsschwerpunkten ist. Innerhalb der TU ist unser Zentrum in der Fakultät für Wirtschaft und Management verankert, in der es nicht nur mein Fachgebiet gibt, sondern auch die angegliederte Juniorprofessur von Leonie Sundmacher für Versorgungsforschung und Qualitätssicherung im ambulanten Sektor sowie die Stiftungsprofessur von Prof. Thomas Mansky für Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, Schwerpunkt Krankenhaussektor. Keinesfalls unerwähnt bleiben soll, dass im BerlinHECOR auch Kollegen der Charité mitwirken.

BerlinHECOR soll künftig ein System entwickeln, mit dem das deutsche Gesundheitssystem auf Leib und Nieren geprüft werden kann. Welche Leistungen unseres Gesundheitssystems wollen Sie dabei im Einzelnen überprüfen?

     Zunächst einmal muss man vielleicht fragen, an welchen Parametern wir „Leistung“ (oder Performanz) festmachen wollen. Wir lehnen uns dabei an das Health System Framework der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an und untersuchen vier Parameter: 1) Bevölkerungsgesundheit, 2) Ungleichheit in Gesundheit und Gesundheitsversorgung, 3) Responsiveness (Eingehen auf gerechtfertigte Erwartungen der Bevölkerung) und 4) Effizienz in der Gesundheitsversorgung. Natürlich können wir in zunächst vier Jahren nicht alle Sektoren auf alle Aspekte hin untersuchen. Neben der Methodenentwicklung und der Erforschung der Zugänglichkeit und Eignung von Daten konzentrieren wir uns deshalb auf das Ausmaß von Ungleichheit in Gesundheit und Gesundheitsversorgung (zwischen kleinräumigen Regionen, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land etc.) und zu den Gründen von möglichen Ungleichverteilungen. Daneben geht es um die Responsiveness im ambulanten Sektor, wo wir der Frage nachgehen, ob die ambulante „Normalversorgung“ und die Versorgung im Rahmen von strukturierten Versorgungsprogrammen den Erwartungen der Patienten gerecht werden. Ebenfalls als Neuland untersuchen wir die Effizienz des präklinischen Rettungsdienstes im Vergleich zwischen den Bundesländern. Herr Mansky wird den Erfolg von Qualitätsmessung im stationären Sektor untersuchen und somit das Potential von Leistungsmessung evaluieren.

BerlinHECOR soll nach eigenen Auskünften unter anderem Erkenntnisse produzieren, die zu einer evidenzbasierten Gesundheitspolitik beitragen. Wird die Verwertung Ihrer Erkenntnisse damit mehrheitlich Sache der Politik sein oder können auch Player der Gesundheitswirtschaft von Ihren Forschungen und Studien profitieren?

     Unsere wissenschaftlichen Analysen auf internationalem Niveau sollen zugleich praktisch nutzbar sein – für die Gesundheitspolitik und die Akteure im Gesundheitswesen, seien sie Leistungserbringer, Kostenträger oder aus der Gesundheitswirtschaft. BerlinHECOR kooperiert daher eng mit dem Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO), dem Wissenschaftlichen Institut der Techniker Krankenkasse für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG), der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Wir evaluieren auch die kardiologische telemedizinische Versorgung in der FONTANE-Gesundheitsregion Nordbrandenburg gesundheitsökonomisch – was angesichts der Versorgungsprobleme im ländlichen Raum nicht nur in Brandenburg, besonders spannend werden dürfte, auch und insbesondere für die teilnehmenden Firmen aus der Region.

Ein Ziel von BerlinHECOR ist auch die Profilbildung für einzelne Standorte in Deutschland. Welche herausragenden Ressourcen sollte Ihrer Meinung nach der Standort Berlin Brandenburg weiterentwickeln? Wie bewerten Sie die hier bereits vorliegenden Ansätze zur Clusterbildung, auch im Vergleich zu anderen Standorten in Deutschland und weltweit?

     Sagen wir es so: Die Profilbildung entspricht den Zielen des fördernden BMBF. Als Standort haben wir uns auf unsere Stärken konzentriert; dazu gehören eine hervorragende internationale Vernetzung, die räumliche Nähe der Wissenschaft zu Politik, Verbänden und inzwischen auch immer mehr Unternehmen. Dadurch sind wir für den internationalen Gesundheitssystemvergleich, die regional-vergleichende Versorgungsforschung, aber etwa auch für die – nicht nur gesundheitsökonomische – Evaluation von Medizinprodukten (einschließlich telemedizinischer Anwendungen) hervorragend aufgestellt. Um noch besser zu werden, würde es uns nicht schaden, dies anzuerkennen und an einem gemeinsamen Strang zu ziehen.

http://www.mig.tu-berlin.de/menue/berlinhecor/